Sensibel für Ausgegrenzte
Frater Thomas Väth stellte das Leben des heiligen Johannes von Gott in den historischen Kontext und erschloss seine Briefe sowie den Briefwechsel mit seinem geistlichen Begleiter Johannes von Ávila. Frater Clemens Schuster erzählte, welche Rolle Johannes von Gott in seiner Berufungsgeschichte gespielt hat.
Frater Thomas Väth begann den Brüdertag mit einer historischen Einordnung: Johannes von Gott wurde 1495 im portugiesischen Montemor-o-Novo geboren. Drei Jahre zuvor entdeckte Christoph Kolumbus den amerikanischen Kontinent. Im selben Jahr wurde mit der Eroberung des Königreichs Granada und dem sog. Granada-Edikt unter den Königspaar Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón die seit 711 bestehende muslimische Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel beendet. Ferdinand und Isabella erließen zudem am 31. März 1492 das sog. Alhambra-Edikt, das sich gegen die jüdische Bevölkerung richtete, die trotz einiger Pogrome friedlich in Spanien leben konnte.
Juden mussten aufgrund des königlichen Erlasses entweder das Land verlassen oder zum Christentum konvertieren. Die Inquisition ging in Spanien und Portugal rücksichtslos auch gegen übergetretene Juden vor, die weiterhin ihre religiösen Bräuche ausübten. Erst 500 Jahre später setzte König Juan Carlos das Alhambra-Edikt außer Kraft, nachdem sich erst wieder im 20. Jahrhundert Juden in größerer Zahl in Spanien angesiedelt hatten. Der Ausweisung von Muslimen und Juden folgte eine wirtschaftliche und kulturelle Krise, die durch Goldzufuhr aus den entdeckten Ländern gemildert wurde.
Impressionen vom Besinnungstag
Dienst aus dem Glauben
Bevor Frater Thomas auf die Auswirkungen der geschichtlichen Ereignisse auf Johannes von Gott einging, schilderte Frater Clemens Schuster seinen Weg in den Orden der Barmherzigen Brüder. Als Pfleger in einer großen Unfallklinik erlebte er Patienten, die nach auffallend guter Pflege vom Krankenhaus Barmherzige Brüder in München dorthin verlegt wurden. In der Zeit der Covid-Pandemie kam Clemens Schuster mit Johannes von Gott in Kontakt. An dessen Biographie faszinierte ihn, wie der Dienst des Heiligen aus seinem Glauben erwuchs. So wurde Johannes zum Vorbild von Frater Clemens. Weitere Punkte, die den jungen Bruder ansprechen, sind:
- Johannes von Gott trennte die Patienten nach ihren Krankheiten und Bedürfnissen.
- Er fragte sich: Was ist für den Einzelnen am besten?
- Nach entwürdigenden Erfahrungen am eigenen Leib wollte Johannes dem Menschen seine Würde wiedergeben.
- Er sah im Nächsten, insbesondere im Leidenden, Christus.
Bei einem Aufenthalt in Granada erlebte Frater Clemens Schuster das Vorbild des heiligen Johannes konkret. Er stellte sich vor, wie Johannes Kranke auf seinen Schultern in sein Krankenhaus am Weg zur Festung Alhambra hinauftrug. Er wollte immer helfen, was ihm aber nicht immer gelang, z.B. beim Festungsbau in Ceuta. Außerdem sei Johannes von Gott ein Suchender gewesen, der letztlich seine Berufung gefunden habe.
Nach diesem persönlichen Berufungszeugnis warf Pater Thomas Väth einen Blick in die Briefe, die der heilige Johannes von Ávila an Johannes von Gott gerichtet hat. Als jüdisch-stämmiger Priester musste Johannes von Ávila die Inquisition fürchten. Auf diesem Hintergrund sind dessen Predigten und Briefe zu lesen. Auch die Eltern des Johannes von Gott könnten Juden gewesen sein, sodass Johannes in seinem karitativen Wirken für Andersgläubige und Ausgegrenzte besonders sensibel war.
In seiner Predigt am 20. Januar 1539 in Granada, durch die Johannes von Gott seine Bekehrung erfuhr, mahnte Johannes von Avila die Gläubigen, ihr Christsein ernst zu nehmen, aber dennoch auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen. Besonders die Rede vom „herabsteigenden Gott“, der sich um die Menschen sorgt, löste in Johannes von Gott ein heftiges Bekehrungserlebnis aus. Er erkannte in der Folge bei seinem Aufenthalt im Königlichen Hospital für sich den Auftrag, das Werk Jesu, der Kranke geheilt hat, fortzuführen.
Johannes von Ávila ermunterte Johannes von Gott in seinen Briefen immer wieder, seine ihm anvertrauten Talente zu nutzen. Gleichzeitig musste ihn sein geistlicher Mentor davor bewahren, ein „Workaholic“ im Dienst an seinen Mitmenschen zu werden. Johannes von Gott sollte sich Zeit für Gebet und Gottesdienst nehmen. Die Selbstliebe gehöre, so Pater Thomas, zum dreifachen Gebot Jesu mit Gottes- und Nächstenliebe – auch für uns. Er zog das Fazit, dass Johannes von Ávila unserem Ordensgründer als geistlicher Begleiter mit menschenfreundlichen Ratschlägen half, damit er mit der richtigen Motivation sein Werk tun konnte.
Einen kurzen Blick warf Pater Thomas in die Briefe, die Johannes von Gott selbst verfasst bzw. diktiert hat. In einem Brief an den Edelmann Gutierrez Lasso aus Malaga riet er diesem, bei seinen Geschäften nicht die Gewinnmaximierung an erste Stelle zu setzen und niemanden auszunützen. Johannes von Gott, der selbst oft genug Schulden für seine Kranken aufnehmen musste, brachte so eine Art Wirtschaftsethik zur Sprache.
Zum geistlichen Abschluss des Besinnungstags feierten die Barmherzigen Brüder in der Klosterkirche St. Augustin eine heilige Messe, ehe sie sich auch leiblich stärkten.
Text und Fotos: Frater Magnus Morhardt