Das Bild zeigt Danilo Rigamonti.

Danilo Rigamonti

Mitarbeiter
Italien

Das Zeugnis der Hospitalität beschwört suggestive und abenteuerliche Stimmungen herauf: Man denke nur an die vielen Menschen, die wir in unseren Einrichtungen aufnehmen; an die Menschen, mit denen wir zu tun haben, und an die Hospitalität, die wir denen schenken, die uns besonders nahe stehen und uns am Herzen liegen.

 

Eine ähnliche Atmosphäre entsteht, wenn wir uns daran erinnern, wie wir selbst von jemandem aufgenommen wurden – vielleicht von einem Unbekannten oder einem Fremden! Wie wir aufgenommen wurden an neuen Orten, von neuen Menschen, und welche Hospitalität man uns entgegengebracht hat.

 

Über all das hätte ich viel zu sagen – aber nicht hier. Stattdessen möchte ich mich mit dem Thema der Hospitalität im Rahmen meiner klinischen Arbeit als Psychiater auseinandersetzen, in einer besonderen Einrichtung, dem „Institut für Psychiatrische Rehabilitation“.

 

So steht es jedenfalls auf dem Wegweiser am Anfang der nach Johannes von Gott benannten Allee hier in San Colombano al Lambro. Es ist wie ein Manifest oder ein Versprechen für den sich uns nähernden „Fremden“!

 

In diesem Zusammenhang muss ich an Don Luigi Giussani denken, der einmal gesagt hat, es bestehe eine Art „Pathologie der Ungastlichkeit“, die in den modernen Beziehungen häufig vorzukommen scheint. Zudem scheint der Ausgangspunkt und der Zweck der Gastfreundschaft zunächst einmal die Annahme seiner selbst zu sein. Daher seine Aufforderung: „Die erste Mission gilt uns selbst“ – so als wolle er hervorheben, dass die Bemühung, sich selbst mit den eigenen Schwächen und Verletzungen anzunehmen, die Grundvoraussetzung zur An- und Aufnahme des Anderen sei. Lehnen wir uns selbst ab, dann werden wir es auch nicht schaffen, jemand anderen wirklich an- und aufzunehmen.

 

So verschiebt sich die Frage: Wie können wir einen Kranken aufnehmen, wenn wir nicht einmal selbst in der Lage sind, unsere eigenen Schwierigkeiten und Schwächen zu sehen und zu akzeptieren?

 

„Die Verrückten sind verrückt“, werden Sie mir mit einer Art beruhigender Tautologie sagen. „Oder sie sind chronisch krank, und dann kann man sowieso nichts mehr machen...“ Gerade darin sehe ich die Chronizität, die durch die Haltung des Pflegenden selbst verursacht wird.

 

Die Chronizität entsteht in dem Moment, in dem sie von demjenigen, der eigentlich eingreifen sollte, um ihr vorzubeugen, gedacht wird; dann also, wenn der Kranke in der Vorstellung des Pflegers als chronisch gedacht und deshalb eben nicht mehr jeden Tag neu an- und aufgenommen wird. Dann wird er automatisch seiner fortschreitenden Rückentwicklung überlassen. Man investiert nicht mehr in ihn und erlaubt es ihm auch nicht mehr, „seine Zeit zu leben“. Ich zitiere hier Frater Gennaro. Man aberkennt ihm das Recht auf das eigene Wort, denn das Bewusstsein des Pflegers verbannt seine Existenz. Das einzig Wichtige ist, dass er uns nicht stört.

 

So nimmt, wie Galimberti in einer seiner Schriften sagt, indem er einen Gedanken Nietzsches aufgreift, der „unheimliche Gast“ Gestalt an. Hier haben wir es mit dem Aufkommen des Nihilismus zu tun, dem Unheimlichsten aller Gäste, der ungesehen im Haus sein Unwesen treibt. Das Wesentliche ist den Augen verborgen, würde Antoine de Saint-Exupéry sagen.

 

„Entscheidend ist es, diesen Gast wahrzunehmen und ihn genau im Blick zu behalten“, denn Nihilismus bedeutet ja gerade: „Es fehlt der Zweck, die Antwort auf das Warum.“ Und Nihilismus bedeutet auch: „Die höheren Werte verlieren jede Bedeutung.“

 

Diese Haltung können wir meiner Ansicht nach nur bekämpfen, wenn wir einen Raum für den Kranken schaffen – einen freien, konkreten, physischen, strukturierten Raum. Vor allem muss es aber ein geistig freier Raum sein, und dies kann gerade durch die Umsetzung von Hospitalität geschehen.

 

Die „geistige“ Hospitalität bezieht sich auf die Fähigkeit, in der eigenen Vorstellung einen solchen Raum zu schaffen, um all die Merkmale meines Gegenübers, des Kranken aufnehmen zu können und ihnen gegenüber eine neutrale und vorurteilslose Haltung einzunehmen. Vielleicht könnte uns das allen helfen, auch die eigenen Emotionen und Gefühle zuzulassen und anzunehmen, mögen sie auch noch so schmerzhaft, verworren oder zerstörerisch sein.

 

In diesem Vorgehen erkenne ich das, was ich als „ethische Haltung“ in der psychiatrischen Behandlung und im Verhalten des psychiatrischen Pflegers definieren möchte: die Übernahme von Verantwortung seitens desjenigen, der die Vitalität und nicht die Chronizität des anderen wahrnimmt. Er bietet ihm einen Raum an, um in einen Dialog einzutreten und eine Geschichte zu gestalten. Das mag schwierig und mühsam sein, ist aber sicherlich therapeutisch sinnvoll.

 

Erlauben Sie mir, abschließend einen Satz von Howard Zinn zu zitieren, einem großen amerikanischen Historiker, der die Geschichte der USA erzählt hat, indem er als erstes die von der offiziellen Geschichtsschreibung Ausgegrenzten ansprach: die Armen, die farbigen Sklaven, die Eingeborenenstämme: „Man braucht keine großen heroischen Taten zu verwirklichen, um sich am Veränderungsprozess zu beteiligen. Kleine Gesten, die von Millionen Menschen durchgeführt werden, können die Welt verändern.“

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365 Zeugnisse
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