Eröffnung der Vernissage „Wir sind noch da“
Zahlreiche geladene Gäste, Angehörige, Projektpartner und Mitwirkende waren gekommen, um die eindrucksvollen Porträts und Lebensgeschichten erstmals gemeinsam zu erleben.
Mit der Vernissage „Wir sind noch da“ präsentiert die Pflegeeinrichtung der Barmherzigen Brüder Kritzendorf ein außergewöhnliches fotografisch-literarisches Projekt, das den Blick auf ältere Frauen und ihre Lebensgeschichten richtet. Gemeinsam mit den porträtierten Bewohnerinnen, ihren Angehörigen und den Projektpartnern wurden die entstandenen Werke vorgestellt.

Miriam Mehlman, Sabine Sramek, MSc, Dr. Bärbel Klepp
Ausgangspunkt des Projekts ist die Beobachtung, dass Frauen im Alter in der öffentlichen Wahrnehmung häufig an Sichtbarkeit verlieren. Ihre Gesichter und ihre Lebensgeschichten finden nur selten Beachtung, obwohl sie auf ein Leben voller Erfahrungen, Erinnerungen, Herausforderungen und persönlicher Erfolge zurückblicken können. Das Projekt „Wir sind noch da“ setzt diesem Umstand eindrucksvolle Porträts und persönliche Erzählungen entgegen.
Ein Zeichen der Wertschätzung und Verbundenheit
Direktorin Mag. Ruth Nadbath begrüßte bei der Vernissage Bezirkshauptmann Mag. Andreas Riemer, die Vizebürgermeisterin von Klosterneuburg, DI Dr. Maria Theresia Eder, Stadtrat Mag. Roland Honeder sowie Mag. Peter Ausweger, Gesamtleiter der Ordensverwaltung Wien der Barmherzigen Brüder der Ordensprovinz Europa Mitte.
vlnr Mag. Ruth Nadbath, Mag. Andreas Riemer, DI Dr. Maria Theresia Eder, Miriam Mehlman, Dr. Bärbel Klepp, Sabine Sramek, MSc, Mag. Peter Ausweger
Der Titel der Vernissage lautet „Wir sind noch da“ vier kurze Worte, die eine starke Botschaft vermitteln. Sie stehen für Präsenz, Würde und den Wunsch, wahrgenommen und gehört zu werden. „Jeder Mensch trägt eine einzigartige Geschichte in sich. Eine Geschichte voller Erfahrungen, Begegnungen, Freuden und Herausforderungen. Gerade diese Geschichten verdienen es, gesehen, gehört und bewahrt zu werden“, betonte Nadbath. Damit verbinde sich auch der Auftrag der Barmherzigen Brüder, den Menschen in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen. Die vier Werte Qualität, Respekt, Verantwortung und Spiritualität bildeten dabei die Grundlage des täglichen Handelns. Qualität bedeute nicht nur, fachlich gute Arbeit zu leisten. Qualität bedeute auch, genau hinzusehen, zuzuhören und das eigene Handeln immer wieder am einzelnen Menschen auszurichten.
Respekt bedeute, jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit anzunehmen. Die Lebensgeschichte, die Entscheidungen, die Wünsche und auch die kleinen Eigenheiten jedes Menschen gehörten zu ihm und verdienten Wertschätzung.Verantwortung bedeute, den Menschen verlässlich zur Seite zu stehen und ihn auf seinem Lebensweg zu begleiten. Spiritualität erinnere daran, dass jeder Mensch eine unverwechselbare Würde besitze und dass hinter dem Sichtbaren immer noch mehr liege – „nämlich der göttliche Funke“.

Ein Perspektivenwechsel in der Pflege
Für Pflegedirektorin Sabine Sramek, MSc, steht die Ausstellung zugleich für einen größeren Veränderungsprozess innerhalb der Pflegeeinrichtung. In ihrer Ansprache betonte sie, dass die Ausstellung eng mit der Einführung des personzentrierten Pflegemodells „PeoPLe“ verbunden ist.
„Wir verändern gerade unseren Blick auf die Pflege und damit verbunden auch unseren Blick auf die Menschen, die wir begleiten“, erklärte Sramek. Das neue Pflegemodell fordere dazu auf, den Menschen nicht auf seine Pflegebedürftigkeit zu reduzieren, sondern ihn mit seinen Erfahrungen, Wünschen und Vorstellungen von einem guten Leben wahrzunehmen.
Damit verbunden sei ein echter Perspektivenwechsel: „Zwei Experten treffen aufeinander und gestalten gemeinsam den weiteren Betreuungsweg.“ Auch die Biografiearbeit habe sich im Zuge dieses Veränderungsprozesses bereits weiterentwickelt. Die im Rahmen des Projekts entstandenen Lebensgeschichten zeigen eindrucksvoll, welchen Wert es hat, den Menschen mit seiner gesamten Lebensgeschichte wahrzunehmen.
Sramek dankte den Bewohnerinnen, die sich bereit erklärt hatten, für die Porträts vor die Kamera zu treten und persönliche Einblicke in ihr Leben zu geben, ebenso wie den Mitarbeitenden aus Pflege, Verwaltung, Haustechnik, Therapie und Küche. Ein besonderer Dank galt Dr. Bärbel Klepp für ihre fachliche Unterstützung und ihre Expertise in den Workshops zur Biografiearbeit.
Zum Abschluss ihrer Ansprache lud Sabine Sramek die Besucher ein: „Schauen Sie genau hin und lassen Sie sich von den Geschichten und von den Gesichtern berühren.“

32 Frauen – 32 Lebensgeschichten
Die Künstlerin und Fotografin Miriam Mehlman porträtierte 32 Bewohnerinnen der Pflegeeinrichtung in ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotografien. Ergänzt werden die Bilder durch persönliche Lebensgeschichten, die Dr. Bärbel Klepp gemeinsam mit den Bewohnerinnen erarbeitet hat. Entstanden ist eine Ausstellung, die die Individualität, Würde und Lebenserfahrung der porträtierten Frauen in den Mittelpunkt stellt und ihre Stimmen sichtbar macht. Im Rahmen der Vernissage gab Dr. Bärbel Klepp in einer Lesung Einblicke in ausgewählte Lebensgeschichten. Ihre Texte zeigen, wie unterschiedlich die Wege der Frauen waren – und wie viel sich hinter einem Gesicht verbirgt.

So erzählt eine der Bewohnerinnen von einer schwierigen Kindheit, von der Erfahrung, als Pflegekind aufzuwachsen, von Hunger und Einsamkeit. Gleichzeitig berichtet sie von den schönsten Momenten ihres Lebens: der Geburt ihrer beiden Töchter. Ihre Geschichte steht beispielhaft für die Kraft, die darin liegen kann, trotz schwieriger Erfahrungen den eigenen Weg weiterzugehen.
Eine weitere Lebensgeschichte nimmt die Zuhörer mit in eine Zeit, die von Krieg, Aufbruch, Liebe und Enttäuschungen geprägt war. Von der ersten großen Liebe erzählt die Bewohnerin ebenso wie von einem späteren Wendepunkt in ihrem Leben. Ein Satz bringt dabei ihre Entwicklung auf den Punkt: Aus dem „patscherten Dirndl“ sei eine Frau geworden.
Eine andere Bewohnerin wiederum begegnet dem Leben mit Humor, Selbstbewusstsein und einer gehörigen Portion Direktheit. Ihre Erinnerungen erzählen von Familie, Berufsleben, schmerzhaften Erfahrungen und schließlich von der Geburt ihrer beiden Söhne. Auf die Frage nach Schönheit antwortet sie mit einer Haltung, die viel über ihre Persönlichkeit verrät: Freundlichkeit und Ausstrahlung gehören für sie ebenso dazu wie das äußere Erscheinungsbild.
Die Geschichte einer weiteren Bewohnerin schließlich ist geprägt von Dankbarkeit. Sie erzählt von ihrer Kindheit, ihren Eltern, ihrer großen Liebe und einem gemeinsamen Leben, das von Zufriedenheit und Akzeptanz geprägt war. Auch nach dem Tod ihres Mannes fand sie einen neuen Weg, indem sie sich freiwillig für Besuchsdienste in einem Pflegeheim engagierte.

„Sie sind noch da“
Zum Ende der Lesung spannte Dr. Bärbel Klepp den Bogen zurück zum Titel der Ausstellung. Viele der Frauen hätten zu Beginn der Gespräche gefragt: „Was soll ich denn schon erzählen?“ Und doch habe sich immer wieder gezeigt: sehr viel.
Es sind Geschichten von Liebe und Verlust, von Kindheit und Familie, von Entscheidungen, Schicksalsschlägen und besonderen Glücksmomenten. Manche Erinnerungen sind groß, andere scheinbar ganz unscheinbar – und gerade darin liegt ihre Bedeutung. Während der Entstehung des Projekts sind einige der Frauen, mit denen Dr. Klepp gesprochen hat, bereits verstorben. Dadurch bekam der Titel „Wir sind noch da“ eine zusätzliche Bedeutung: „Denn sie sind noch da. In ihren Bildern. In ihren Worten. In ihren Erinnerungen. Und in den Geschichten, die sie uns hinterlassen haben.“

Lebensgeschichten, die bleiben
Die feierliche Eröffnung wurde von der Lesung sowie einer musikalischen Umrahmung begleitet. Im Rahmen der Vernissage wurden die Porträts und Geschichten den Mitwirkenden feierlich überreicht. Mit der Ausstellung möchten die Barmherzigen Brüder Kritzendorf ein Zeichen für Wertschätzung, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Teilhabe im Alter setzen. Zugleich verstehen sie dieses Engagement als Ausdruck ihres Auftrags, den sie vom Ordensgründer Johannes von Gott übernommen haben: „Gutes tun und es gut tun.“ Dieser Leitsatz prägt auch den Umgang mit den Bewohnerinnen und Bewohnern mit Aufmerksamkeit, Respekt und dem Anspruch, jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen und bestmöglich zu begleiten.
„Wir sind noch da“ lädt dazu ein, hinter die Bilder zu blicken, Menschen in ihrer ganzen Individualität wahrzunehmen und sich von ihren Lebensgeschichten berühren zu lassen.

Die Ausstellung ist noch bis Ende September in der Pflegeeinrichtung der Barmherzigen Brüder Kritzendorf zu sehen.