
Am äußersten Zipfel Englands
An manchen Stellen ist der Weg, der zum imposanten Schloss auf den St. Michael’s Mount führt, besonders schmal. Genau dort kommt es zwischen den hinaufsteigenden und herunterkommenden Tourist:innen kurz zu Irritationen. „Gilt hier Rechts- oder Linksverkehr?“, scheinen sie sich zu fragen und schauen einander etwas ratlos an. Einerseits, man befindet sich in Großbritannien. Hier halten sich normalerweise nicht nur die Autos links, sondern auch die Fußgänger:innen. Andererseits, den St. Michael’s Mount besuchen auch viele Tourist:innen aus dem Ausland. Die sind an Rechtsverkehr gewöhnt. „Ach, einfach irgendwie. Das klappt schon“, winkt Nancy ab, wenn man sich nach den Gepflogenheiten in Sachen Fußgängerverkehr auf der Insel erkundigt. Nancy ist eine der Ordner:innen auf der Insel, die die Menschen über das Gelände lotst. Über 400.000 Besucher:innen kommen Jahr für Jahr auf den St. Michael’s Mount, eine kleine Insel direkt vor der Südküste Cornwalls. Je nach Gezeitenstand entweder mit dem Boot oder über einen gepflasterten Damm, der vom Örtchen Marazion zum kleinen Hafen am Eingang zur Anlage auf der Insel führt.
St. Michael’s Mount – gibt’s den nicht auch in Frankreich? Richtig, der St. Michael’s Mount heißt nicht nur wie der Touristenmagnet „Mont St. Michel“ in Frankreich. Er ähnelt ihm auch sonst stark, auch wenn er keinen so enormen Touristenansturm bewältigen muss. Tatsächlich ist der St. Michael’s Mount eine Art „Ableger“ des „Mont St. Michel“. Benediktinermönche des dortigen Klosters errichteten im 11. Jahrhundert ein Kloster vor der englischen Küste. Das Kloster wurde später zum Schloss und ist seit dem 13. Jahrhundert in Privatbesitz der Familie St. Aubyn. Sie lebt heute noch im Ostflügel des Schlosses.
ROSAMUNDE-PILCHER-EFFEKT
Der St. Michael’s Mount ist eine der Touristenattraktionen von Cornwall, der Grafschaft im südwestlichsten Zipfel Englands. Cornwall – damit verbinden viele die Bücher der Bestsellerautorin Rosamunde Pilcher. Sie ließ ihre Romanfiguren in der wildromantischen Kulisse der Halbinsel leiden und lieben. Und tatsächlich: Wer hier unterwegs ist, glaubt sich unweigerlich in einem Rosamunde-Pilcher-Buch oder in einer ihrer Verfilmungen. Und kann sich selbst davon überzeugen, wie schroff die Klippen hier abfallen, wie milchkaffeefarben die Sandstrände sind, wie sanft die Wiesen und wie pittoresk die Orte an der Küste und im Landesinneren. Seit 1993 hat das ZDF 170 Episoden der an die Pilcher-Romane angelehnten Filme gedreht. Sie haben den Tourismus in der Region stark angekurbelt, was als „Rosamunde-Pilcher-Effekt“ bezeichnet wird. Angeblich ist die Hälfte der Tourist:innen deutschsprachig.
BEEINDRUCKENDE GEZEITEN
Ein Besuch auf dem St. Michael’s Mount führt vor Augen, wie stark ausgeprägt die Gezeiten hier in Cornwall sind. Das Meer zieht sich bei Ebbe zurück und überschwemmt die Strände bei Flut. Badegäste müssen aufpassen: Manchmal kommt die Flut schneller, als man denkt, und man muss Handtücher, Flipflops und Strandmuscheln rasch vor dem Wasser retten. Je nach Gezeitenstand werfen sich auch Surfer:innen in die Atlantik-Wellen. Cornwall gilt als einer der Surf-Hotspots in England. Entlang der Küste finden sich zahlreiche Surfschulen. Die Stadt Newquay im Norden präsentiert sich als Surfer-Paradies und zieht jedes Jahr zehntausende Surfer:innen an.
Wer weder schwimmen noch surfen mag, kann den South West Coast Path entlang wandern – zumindest ein Stück davon. Mit einer Länge von über tausend Kilometern ist er der längste Fernwanderweg Großbritanniens. Er führt die Küste Cornwalls entlang. Vorbei zum Beispiel an „Godrevy Head“ nahe dem Küstenstädtchen St. Ives an der Nordseite Cornwalls. Von dort hat man einen malerischen Ausblick auf den 26 Meter hohen Leuchtturm, der seit 1859 dreihundert Meter vom Festland entfernt auf Godrevy Island steht.
Einen Besuch wert ist auch die Robbenkolonie, die bei Godrevy lebt. Von den Klippen aus kann man die Robben unten in der Bucht beobachten. Man soll sich leise nähern, darauf weisen Schilder hin – die Kolonie soll von den menschlichen Besucher:innen ungestört bleiben.
CORNISH CREAM TEA
Nachmittags nimmt man in Cornwall den „Cornish Cream Tea“ ein. Traditionell wird der Tee dabei mit warmen Scones, einem runden Gebäck, Erdbeermarmelade und Clotted Cream, einer Art dickem Rahm, serviert. Cornish Cream Tea gibt es natürlich auch im „Island Café“ auf dem St. Michael’s Mount. Ein Blick auf die Uhr und auf die Website der Insel zeigt an, ob man für den Rückweg eines der Boote nehmen muss oder über den Landweg zurück aufs Festland spazieren kann. Geht sich der Rückweg über den gepflasterten Damm noch aus, bevor die Flut kommt? Man sollte sich genügend Zeit für den Rückweg nehmen und sich immer wieder umdrehen. Denn der Blick auf den Berg mit dem imposanten Schloss ist einzigartig.