
Die Heilkraft der Bäume
Dass Ärzt:innen eine Waldtherapie gegen Burnout oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen verordnen, ist in Japan nichts Ungewöhnliches. „Shinrin-Yoku“, übersetzt „Waldbaden“, nennt sich die aus Japan stammende Praxis des achtsamen Eintauchens in die Waldatmosphäre, um Gesundheit und Wohlbefinden zu stärken. Seit 1982 ist diese Praxis sogar staatlich gefördert.
Regelmäßige Waldspaziergänge stärken nicht nur das Immunsystem, sie können auch sogenannte Zivilisationskrankheiten wie Asthma, Diabetes, Fettleibigkeit, Depressionen oder Alzheimer vorbeugen. Bereits ein kurzer Waldspaziergang verbessert Atmung, Puls und Blutdruck und hilft bei Schlafstörungen und psychischen Belastungen.
WISSENSCHAFTLICHE GRUNDLAGEN
Die wissenschaftlichen Grundlagen für diese Erkenntnis legte der Immunologe Dr. Qing Li Anfang der 2000er-Jahre an der Nippon Medical School in Tokio. In einer Studie schickte er Hunderte Proband:innen auf einen Spaziergang, eine Hälfte in die Stadt, die andere in den Wald. Bei der anschließenden Blutuntersuchung konnte bei der Waldgruppe eine bedeutsame Erhöhung der DHEA-Werte festgestellt werden (DHEA unterstützt die Herz-Kreislauf-Funktionen und wirkt positiv auf Nervenzellen und Blutgefäße). Eine weitere Studie zeigte, dass ein eintägiger Aufenthalt im Wald die Anzahl der natürlichen Killerzellen, die Viren, Bakterien und Krebszellen zerstören, um bis zu 50 Prozent erhöht¹.
Dass sich der Kontakt mit naturnahen Waldlandschaften positiv auf die Gesundheit auswirkt, zeigte auch eine Feldstudie der Medizinischen Universität Wien². Dabei wurden 66 gesunde Erwachsene in zwei Gruppen geteilt: Die eine verbrachte 20 Minuten in einem Waldgebiet, die andere in städtischer Umgebung ohne Begrünung. Bei der Waldgruppe konnten – im Gegensatz zur Kontrollgruppe – im Anschluss eine Reduktion des Cortisolspiegels, ein Stressmarker, sowie eine verbesserte Stimmung festgestellt werden.
THERAPEUTISCHE TERPENE
Der therapeutische Effekt des Waldes wird den Terpenen zugeschrieben, das sind Bestandteile ätherischer Öle, die Rinde und Blätter von Bäumen, Sträuchern und anderen Pflanzen absondern. Es sind chemische Botenstoffe, die Pflanzen zum Schutz vor Schädlingen und Krankheitserregern bilden. Werden sie beim Menschen über Haut und Lunge aufgenommen, beruhigt sich der Sympathikus, jener Teil des vegetativen Nervensystems, der Herzfrequenz, Blutdruck und Energieverbrauch in Stresssituationen erhöht. Gleichzeitig wird der für Entspannung und Erholung zuständige Parasympathikus aktiviert.
Das gesundheitliche Potenzial ist so groß, dass 2012 an japanischen Universitäten ein eigener medizinischer Forschungszweig gegründet wurde: „Forest Medicine“ („Waldmedizin“). Inzwischen hat sich Waldbaden zu einer Gesundheitsmethode entwickelt, die weltweit praktiziert wird. Auch in Österreich wird Waldbaden aufgrund der positiven Auswirkungen auf Körper und Geist immer beliebter.
Anmerkungen
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31210473/ und https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17903349/ und Qing Li und Tomoyuki Kawada: Effect of forest environment on human immune function, in: Qing Li (Hrsg.), Forest Medicine, S. 71 und 77, Nova Biomedical Verlag, New York, 2013
- www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/2025/news-im-mai-2025/waldaufenthaltreduziert-stress-in-nur-20-minuten/
TIPPS FÜRS WALDBADEN
Waldbaden wirkt präventiv, ist also eine Maßnahme allgemeiner Gesundheitsvorsorge, ersetzt jedoch keinen Arzt. Es geht dabei nicht nur darum, im Freien zu sein. Wichtig ist, die Natur intensiv wahrzunehmen – durch Sehen, Hören, Riechen und Fühlen. Der Fokus liegt darauf, die heilende Kraft des Waldes zu nutzen. In Österreich gibt es bereits zahlreiche geführte Wanderungen. Der Vorteil: Die Führer:innen kennen die Gegebenheiten des Waldes und können den Einstieg erleichtern. Doch auch ohne Führung ist Waldbaden
leicht zu erlernen. Zu einer dauerhaften Stärkung des Immunsystems empfiehlt Dr. Qing Li:
- Planen Sie mindestens zwei Waldtage pro Monat, um die positive Wirkung zu erhalten. Am gesündesten ist die Waldluft im Hochsommer: Die Konzentration der Terpene steigt im April und Mai rasch an und erreicht von Juni bis August ihren Höhepunkt. Besonders intensiv wirken sie im Waldesinneren, nach einem Regen und bei Nebel.
- Verbringen Sie mindestens zwei Stunden im Wald und gehen Sie in dieser Zeit etwa 2,5 Kilometer. Bei einer Dauer von vier Stunden sollte man vier Kilometer gehen.
- Um die natürlichen Killerzellen und Anti-Krebs-Proteine auch langfristig zu stärken, sollten Sie drei Tage hintereinander in einem Waldgebiet verbringen.
- Erstellen Sie einen Spazier- oder Wanderplan, der Ihren körperlichen Voraussetzungen entspricht, und achten Sie darauf, bei beginnender Müdigkeit eine Rast einzulegen.
- Trinken Sie Wasser oder Kräutertee.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR
- Die wertvolle Medizin des Waldes. Wie die Natur Körper und Geist stärkt, von Qing Li, Rowohlt Taschenbuch, ISBN 978-3-499-63401-7, 320 Seiten, € 17,50
- Der Biophilia-Effekt. Heilung aus dem Wald, von Clemens G. Arvay, Ullstein Taschenbuch, ISBN 978-3-548-37659-2, 256 Seiten, € 14,40
- Shinrin Yoku - Heilsames Waldbaden. Die japanische Therapie für innere Ruhe, erholsamen Schlaf und ein starkes Immunsystem, von Yoshifumi Miyazaki, Irisiana Verlag, ISBN 978-3-424-15347-7, 192 Seiten, € 18,50
- Waldtherapie. Das Potential des Waldes für Ihre Gesundheit, von Angela Schuh und Gisela Immich, Springer Verlag, ISBN 978-3-662-59025-6, 143 Seiten, € 23,64