
It’s turtle time!
Sie überlebten die Dinosaurier und schwimmen oftmals um die ganze Welt, um ihre Eier abzulegen – seit Millionen von Jahren navigieren Meeresschildkröten durch die Ozeane und tragen zugleich zum Erhalt gefährdeter Ökosysteme bei. Doch die sanften Meeresriesen sind durch tierische Räuber und menschliche Einflüsse selbst in Gefahr. Zu ihrem Schutz entstanden in den vergangenen Jahren in vielen Ländern Brutstationen (Hatcheries), die dabei helfen sollen, geschlüpfte Jungtiere sicher ins Meer zu bringen.
HAUTNAH AM GESCHEHEN
In Sandakan, einer Stadt im malaysischen Teil Borneos, besteigen wir am Vormittag ein Boot. Was für die eine Nacht gebraucht wird, wird verstaut, das Boot löst sich vom Steg, der Motor brummt. Etwa eine Stunde dauert die Fahrt über die Sulusee mit Kurs auf Selingan Turtle Island, schon nahe an der philippinischen Grenze. Als Teil des Taman Pulau Penyu (Turtle Islands National Park) ist dies eine von drei Inseln, die 1997 in das Programm Turtle Islands Heritage Protected Area (TIHPA) aufgenommen wurden. Auf Selingan befindet sich neben einer Brut- und Aufzuchtstation auch eine kleine Siedlung mit Lodges und damit die Möglichkeit zur Übernachtung. Die Zimmer sind einfach gehalten – was dem Erlebnis jedoch keinen Abbruch tut. Denn das eigentliche Highlight spielt sich ohnehin draußen ab.
Nach der Landung auf der Insel ist erst einmal Zeit zum Ausspannen. Die rund acht Hektar große Insel selbst ist rasch umrundet, nach einem idyllischen Sonnenuntergang geht es zum Abendessen in die Cafeteria. Und dann heißt es warten. In Gruppen eingeteilt, harren die Inselgäste dessen, was kommen soll. Plötzlich ein Ruf: „It’s turtle time.“ Aufgeregt springen alle auf und folgen dem zugewiesenen Guide. Dieser schreitet mit einer Taschenlampe voran, zielstrebig auf den Strand zu, wo eine Schildkrötendame schon das Loch vorbereitet hat, in das sie ihre Eier legt. Stück für Stück gleiten tischtennisballgroße Eier aus der Kloake. Am Ende sollen es 96 Schildkröteneier sein – und wir deren stolze Paten, denn wir hatten am Nachmittag zwei Patenschaften für die ersten beiden Gelege übernommen.
MIT RING ZURÜCK INS MEER
Das Schildkrötenweibchen nimmt das Treiben rundherum stoisch zur Kenntnis. Während vorne Fotos gemacht werden, legt ein Ranger die Eier in einen Kübel. Ein weiterer widmet sich nun der großen „Dame“: Sie wird vermessen, kontrolliert, und da sie noch nicht registriert ist, erhält sie einen nummerierten Ring. Im Rahmen internationaler Programme können so die Wege der Tiere nachvollzogen werden – und dabei treten durchaus beeindruckende Daten zutage. Denn wenngleich Meeresschildkröten Tausende Kilometer durch die Meere zurücklegen, kehren sie zur Eiablage stets an jenen Ort zurück, an dem sie selbst geschlüpft sind.
Nun ist erst einmal Rasten angesagt, ehe die Schildkröte den Weg zurück zum Meer sucht. Ihre Eier werden inzwischen in Sicherheit gebracht. Denn für die herumstreifenden Leguane und für hungrige Vögel wären sie ein gefundenes Fressen. Daher kommen sie in einen geschützten Bereich – mit Nummern und Datum versehen und doppelt von Netzen und Zäunen gesichert. Während sie mit Sand bedeckt werden, regt sich einige Meter weiter der Sand. In einem Nachbargelege gibt es Nachwuchs – vor rund zwei Monaten waren diese Eier hier vergraben worden, jetzt wühlen sich die geschlüpften Babys an die Oberfläche. Vorsichtig werden sie entnommen, in einer Steige an den Strand gebracht und dann zu Wasser gelassen. Auch wenn die Gefahr für die Tiere noch nicht gebannt ist: Zumindest den Weg von der Eiablage zum Meer haben sie unbeschadet überstanden – jetzt geht es hinaus ins Leben, wo weitere Bedrohungen warten.

Nach der Eiablage kehrt das Muttertier zurück ins Meer.
GEFÄHRDETE RIESEN
Während der Tag für die Tourist:innen langsam endet, ist für die Schildkröten und Ranger noch lange nicht Schluss: Bis in die Morgenstunden erreichen neue Tiere die Insel, deren Eier gezählt und in Sicherheit gebracht werden. 27 angekommene Schildkröten, 23 Nester, 1.862 Eier und 420 geschlüpfte Tiere lautet die Bilanz jener Nacht, die am Morgen auf einem Bildschirm über der Cafeteria angezeigt wird.
Wenngleich die Zahl beeindruckend erscheint, schafft es nur ein Bruchteil davon, die Größe ausgewachsener Tiere zu erreichen. Die Feinde lauern in der Natur – in Form von Raubtieren und -fischen, aber vor allem auch menschgemachten Bedrohungen: Die Zerstörung von Küstenstreifen, die Verschmutzung der Meere oder die nach wie vor stattfindende Bejagung der Tiere setzen den Beständen weltweit zu. Programme wie Turtle Islands Heritage Protected Area tragen daher zu ihrem Schutz und zur Bewusstseinsbildung bei.
Was uns von diesem Ausflug blieb, waren beeindruckende Momente von der Eiablage bis zum Meeresgang der Jungtiere. Etwa zwei Monate später erhielten wir dann auch Post. Aus den zwei Gelegen, für die wir die Patenschaft übernommen hatten, waren etwa 120 Tiere geschlüpft.