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Permanent unter Strom

Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter bringt oft Erleichterung mit sich. Betroffene merken: Ich bin weder dumm noch faul. Es ist mein Gehirn, das anders funktioniert.

Anna ist Anfang 40, als sich herausstellt, dass ihr achtjähriger Sohn ADHS hat. Sie liest sich ein und stellt fest: „Ich kann bei den Symptomen auch bei mir alles abhaken wie bei einer Einkaufsliste.“ Bis vor wenigen Jahren war die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in erster Linie als häufigste neurobiologische Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen bekannt. „Zappelphilipp-Syndrom“ nannte man sie früher, nach der Kinderbuchfigur, die nicht still sitzen konnte und sich immer bewegen musste. Wie der Zappelphilipp haben Betroffene Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, reagieren impulsiv, verspüren einen starken Bewegungsdrang. Einfach erklärt, liegt das daran, dass das Gehirn von Menschen mit ADHS anders arbeitet. Dass auch Erwachsene betroffen sein können, ist erst seit einigen Jahren in den Fokus gerückt, Schätzungen zufolge sind es zwei bis vier Prozent.

 

„ADHS im Erwachsenenalter äußert sich allerdings anders als bei Kindern“, sagt Ines Hölbling, BSc MSc, Klinische Psychologin in Klagenfurt. „Die Hyperaktivität dreht sich nach innen. Sie wird zu einer inneren Unruhe, es ist, als würde man permanent unter Strom stehen.“ Klient:innen, die mit dem Verdacht auf ADHS zu Hölbling in die Praxis kommen, berichten davon, dass es in ihrem Kopf immer laut, immer voll sei. Dass sie sich schwertun, sich zu konzentrieren, an einer Sache dranzubleiben. Anna, die seit rund zehn Jahren mit ihrer Diagnose lebt, beschreibt es so: „Wenn mein Gehirn eine Aufgabe spannend findet, kann ich mich super konzentrieren. Ich kann mein Gehirn aber schwer beeinflussen, etwas toll zu finden.“ Zum Glück kann sich Anna bzw. ihr Gehirn für die Aufgaben in ihrem Job begeistern. Sie merkt aber auch, dass sie Abwechslung braucht. Zu lange an einem Projekt zu arbeiten, wird ihr schnell langweilig und ihre Konzentrationsfähigkeit nimmt ab.

 

 

ADHS IN DEN SOZIALEN MEDIEN

ADHS im Erwachsenenalter wird manchmal als Modeerscheinung abgetan. In den sozialen Medien ist das Thema seit einiger Zeit stark präsent, auf Instagram oder TikTok scheint es fast so, als hätte plötzlich jeder ADHS oder eine andere Form der Neurodivergenz. Ines Hölbling bewertet die erhöhte Aufmerksamkeit für ADHS in der Gesellschaft grundsätzlich positiv. „Viele erkennen sich in den Beschreibungen in den sozialen Medien wieder und kommen deswegen zu mir.“ In den meisten Fällen decke sich die Vermutung ihrer Klient:innen, an ADHS zu leiden, mit einem positiven Ergebnis der Diagnostik.

 

Die Diagnostik umfasst mehrere Schritte. In einem ausführlichen Anamnesegespräch wird die Biografie der Klient:innen durchleuchtet. „Viele erzählen, sie hätten sich immer schon anders gefühlt. Typisch ist auch, dass sie vieles angefangen, aber nichts fertig gemacht haben, also in der Ausbildung oder im Beruf.“ Mittels Selbstbeurteilungsbogen schätzen sich die Klient:innen selbst ein, für Partner:innen oder Eltern gibt es, wenn gewünscht, auch einen Fremdbeurteilungsbogen. Nach einem diagnostischen Interview wertet Ines Hölbling alles aus und erstellt ihre Diagnose.

 

 

Erwachsene mit ADHS haben das Gefühl, dass es in ihrem Kopf immer laut und voll ist. Daher können sie sich nur schwer konzentrieren.

Erwachsene mit ADHS haben das Gefühl, dass es in ihrem Kopf immer laut und voll ist. Daher können sie sich nur schwer konzentrieren.

 

 

NEGATIVES SELBSTBILD

Für Anna war die Diagnose eine große Erleichterung. „Es wirkt ja für die anderen so, als sei man unzuverlässig. Das löst dann Schuldgefühle aus, und die beeinflussen das Selbstbild. Mit der Diagnose wusste ich: Ja, ich vergesse oder versemmle manches, aber nicht aus böser Absicht oder weil ich dumm bin.“ Diese Erfahrung teilen viele Menschen, die im Erwachsenenalter herausfinden, dass ADHS hinter so manchen Schwierigkeiten steckt. „Es ist schön, zu sehen, wie die Leute auf die Diagnose reagieren“, sagt Ines Hölbling. „Manche brechen vor Erleichterung in Tränen aus und wissen: ‚Ich bin nicht zu faul oder zu dumm. Nicht ich bin das Problem!‘“ ADHS habe sich bei vielen über die Jahre und Jahrzehnte auf den Selbstwert ausgewirkt. Man erlebt vermeintliche Misserfolge, häufige Zurückweisung, das Gefühl, nicht gut genug zu sein. „Das beeinflusst auch die zwischenmenschlichen Beziehungen.“

 

 

MEDIKAMENTE: JA ODER NEIN?

Nach der Diagnose spricht Hölbling Therapieempfehlungen aus. Neben psychologischer oder psychotherapeutischer Behandlung können Medikamente beim Umgang mit ADHS helfen. Sind sie immer notwendig? „Es kommt auf den Leidensdruck an“, sagt Hölbling. Sie empfiehlt auf jeden Fall, sich von einem Psychiater beraten zu lassen. „Viele meiner Klient:innen berichten, dass sie sich mit Medikamenten endlich konzentrieren können. Dass ihr Kopf leise geworden ist. Ein junger Mann zum Beispiel, der medikamentös behandelt wird, traut sich zu, wieder Prüfungen auf der Uni zu machen. Weil er sich hinsetzen und fokussieren kann.“ Hölbling selbst übt mit ihren Klient:innen zum Beispiel, Prioritäten zu setzen, ihre Zeit zu managen, Aufgabenknäuel zu entwirren.

 

Eine ADHS-Diagnose kann also durchaus sinnvoll sein, wenn man sich in den Symptomen wiedererkennt. Man sollte sich allerdings auf eine lange Wartezeit für einen Termin bei Psycholog:innen oder Psychiater:innen einstellen. Jene mit Kassenvertrag sind häufig viele Monate ausgebucht. Aber auch in Privatordinationen wartet man oft länger auf einen Termin.

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