
Wirklichkeit statt Wischen
Warum schaut mich mein Kind nicht an? Warum spielt es nicht mit anderen? Mit solchen Fragen wenden sich Eltern an die Entwicklungsmedizinische Ambulanz der Barmherzigen Brüder in Linz. Auffälligkeiten wie diese können auf eine Autismusspektrumstörung hinweisen, müssen es aber nicht. Die Kinderärztin Oberärztin Dr. Arnika Thiede und der klinische Psychologe Christoph Rosenthaler, MSc von den Barmherzigen Brüdern Linz beobachten, dass auch andere Ursachen dahinterstecken können. „Kinder mit übermäßig hohem Medienkonsum zeigen ähnliche Symptome“, sagt Rosenthaler. Zugleich betont er: „Keine Autismusspektrumstörung entsteht allein aufgrund digitaler Medien.“ Häufig kommen Eltern auch, weil ihr Kind deutlich weniger als Gleichaltrige spricht oder nur Phrasen aus Videos wiedergibt, ohne sie zu verstehen. „Kinder lernen Sprache im Austausch mit anderen Menschen“, erklärt Dr. Thiede. Im Dialog erleben sie, wie Worte, Mimik und Gestik zusammenwirken. Um Eltern aufzuklären, starteten Dr. Thiede und Christoph Rosenthaler, MSc die Initiative „SMART aufwachsen“, unterstützt von der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Mit Videos, Workshops und Vorträgen informieren sie über die Risiken exzessiver Mediennutzung und einen altersgerechten Umgang mit digitalen Medien.
BILDSCHIRMFREI VON 0 BIS 3
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder unter drei Jahren den Verzicht auf Bildschirmmedien. Ältere Kinder sollten – begleitet von den Eltern – höchstens 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen online sein. Repräsentative Daten zur täglichen Bildschirmzeit von unter Dreijährigen liegen in Österreich bisher nur eingeschränkt vor. Internationale Studien zeigen aber, dass Kinder zwischen ein und drei Jahren im Schnitt über zwei Stunden pro Tag vor Bildschirmen sitzen. Ganz ohne Smartphone geht es manchmal nicht: Ein Videotelefonat mit den Großeltern oder das gemeinsame Anschauen von Fotos hält Dr. Thiede für vertretbar. Entscheidend sei aber, dass die Eltern dabei sind und es ein klares Ende gibt. „Das Abschalten lernen aber viele Kinder nicht.“
GEFÜHLE AUSHALTEN
Problematisch wird es, wenn das Smartphone ständig zur Beruhigung eingesetzt wird. „Kinder werden abgelenkt, lernen aber nicht, mit Frust und Langeweile umzugehen“, erklärt Christoph Rosenthaler, MSc. Wenn sie bei jedem Quengeln vors Gerät gesetzt werden, wirke das wie eine Belohnung und fördere problematisches Verhalten. „Oft hilft nur ein kalter Medienentzug“, meint Dr. Thiede. Unterstützung dabei können Eltern bei den „Frühe Hilfen“-Netzwerken für Schwangere und Familien mit Kleinkindern erhalten. Auch die Familienberatungsstellen bieten Hilfe. Oft zeigt der Verzicht schnell Wirkung.
KEIN HARMLOSES SPIELZEUG
Volksschulkinder, die im Unterricht einschlafen, weil sie zu lange online waren. Kinder, die Stifte nicht richtig halten können. Das führt die Wiener Sonderpädagogin Ludmila Schindler auf übermäßigen digitalen Medienkonsum zurück. Gravierend sind auch die psychischen Auswirkungen, die sie in ihrem Buch „Tatort Digitales Kinderzimmer“ beschreibt. Ein Achtjähriger, der ihr stolz ein gewaltverherrlichendes Spiel zeigte, entwickelte eine Tic-Störung. Seine unwillkürlichen Geräusche störten den Unterricht. Andere Kinder berichteten ihr, auf einer Spieleplattform von Erwachsenen kontaktiert worden zu sein. „Doch immer noch wird das Handy von Eltern als digitales Spielzeug gesehen“, kritisiert die Pädagogin. Sie lässt sich von den Kindern zeigen, was sie online erleben, und spricht mit ihnen über problematische Inhalte. Dafür müssten sich auch Eltern Zeit nehmen, ist Christoph Rosenthaler überzeugt.
Viele Eltern fragen: Wann ist ein Smartphone sinnvoll? Für Dr. Thiede hängt das von der Reife des Kindes ab. In der Volksschule hält sie es oft für nicht notwendig. Für einen langen Schulweg könne ein nicht internetfähiges Gerät verwendet werden.
ANALOGE ABENTEUER
Sollen Kinder die Welt mit allen Sinnen entdecken, brauchen sie Alternativen zum Bildschirm: Gemeinsame Zeit am Spielplatz, zusammen einkaufen und kochen oder Geschichten lesen. An Familienregeln, wie „keine digitalen Medien im Kinderzimmer und nicht bei gemeinsamen Mahlzeiten“, müssten sich alle halten. „Kinder erkennen sofort, wenn Eltern anders handeln, als sie es von ihnen verlangen“, so Ludmila Schindler. Die Initiative „SMART aufwachsen“ empfiehlt einen „Handyparkplatz“ einzurichten, einen festen Platz fürs Smartphone, damit man nicht bei jedem Blinken danach greift. So bleibt die Aufmerksamkeit beim Kind.
Buchtipp
Tatort digitales Kinderzimmer. Von Kindern, die sich nicht mehr spüren, von Ludmila Schindler, 2026, Verlag Buchschmiede, ISBN 978-3-99192-365-7, 134 Seiten, Hardcover € 24,–, Taschenbuch € 12,–
Weitere Infos
www.smart-aufwachsen.at
www.fruehehilfen.at
www.saferinternet.at – kostenloser Download der Broschüre „Bildschirmfrei von Null bis Drei!“