
Gut sehen, besser lernen
In der Schule werden hohe Anforderungen an die Augen gestellt: Buchstaben müssen erkannt, Zeilen verfolgt, Bilder erfasst und Informationen von der Tafel ins Heft übertragen werden. Gutes Sehen ist dabei eine wesentliche Voraussetzung für konzentriertes und erfolgreiches Lernen. „Ein Kind, das nicht ausreichend scharf sieht, muss sich beim Lesen, Schreiben oder Abschreiben wesentlich stärker anstrengen. Das kann zu rascher Ermüdung, Konzentrationsproblemen oder Kopfschmerzen führen. Mitunter entsteht der Eindruck, das Kind sei unaufmerksam oder habe Schwierigkeiten beim Lernen, obwohl die Ursache möglicherweise an den Augen liegt“, erklärt Primarius Dr. Peter Reinelt, Leiter der Abteilung für Augenheilkunde am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz.
Während Erwachsene Veränderungen ihrer Sehleistung meist rasch bemerken, fehlt Kindern die Vergleichsmöglichkeit. Sie kennen die Welt nur so, wie sie diese selbst sehen. Ein unscharfes Bild in der Ferne, Schwierigkeiten beim räumlichen Sehen oder ein deutlicher Unterschied zwischen beiden Augen werden deshalb häufig von den Kindern selbst angesprochen. Das gilt insbesondere, wenn nur ein Auge betroffen ist. Das besser sehende Auge kann die Schwäche des anderen teilweise ausgleichen, sodass die Einschränkung im Alltag zunächst kaum auffällt. Gerade in den ersten Lebensjahren entwickelt sich das Zusammenspiel zwischen Auge und Gehirn jedoch entscheidend weiter. Werden eine relevante Fehlsichtigkeit oder ein Schielen zu spät erkannt, kann sich auf dem schwächeren Auge eine bleibende Sehschwäche entwickeln. „Je früher eine Sehstörung erkannt wird, desto besser sind in der Regel die Behandlungsmöglichkeiten. Kinderaugen sind keine kleinen Erwachsenenaugen. Sie befinden sich noch in der Entwicklung, und bei bestimmten Erkrankungen oder Fehlsichtigkeiten spielt der Zeitpunkt der Behandlung eine entscheidende Rolle“, betont Primar Reinelt.
KURZSICHTIGKEIT
Eine der häufigsten Fehlsichtigkeiten bei Schulkindern ist die Kurzsichtigkeit, sie kann während des Wachstums fortschreiten. Neben der familiären Veranlagung werden intensive Naharbeit und wenig Aufenthalt im Freien als beeinflussbare Faktoren diskutiert. Eltern sollten deshalb nicht nur auf die reine Dauer der Bildschirmnutzung ihrer Kinder achten, sondern auch auf regelmäßige Unterbrechungen und einen Ausgleich im Freien. „Smartphones, Tablets und Computer gehören heute zum Alltag und sind auch in der Schule nicht mehr wegzudenken. Entscheidend ist ein vernünftiger Umgang. Kinder sollten nicht stundenlang ohne Pause auf kurze Distanz schauen. Der regelmäßige Blick in die Ferne und ausreichend Bewegung bei Tageslicht entlasten die Augen“, erläutert der Abteilungsvorstand.
Auch die Gestaltung des Arbeitsplatzes kann dazu beitragen, die Augen beim Lernen zu entlasten. Der Schreibtisch sollte gut und möglichst gleichmäßig beleuchtet sein. Tageslicht ist günstig, darf aber das Kind nicht blenden. Bei Rechtshänder:innen sollte das Licht möglichst von links, bei Linkshänder:innen von rechts kommen, damit die Schreibhand keinen störenden Schatten wirft.
VORSORGE
Besonders wichtig ist eine augenärztliche Abklärung, wenn Fehlsichtigkeiten, Schielen oder bestimmte Augenerkrankungen in der Familie vorkommen, das Kind zu früh geboren wurde oder bereits in jüngeren Jahren Auffälligkeiten festgestellt wurden. „Gutes Sehen ist nicht nur für den Lernerfolg wichtig. Es beeinflusst die gesamte Entwicklung eines Kindes von der Motorik über die Orientierung bis zur sozialen Interaktion. Eine rechtzeitig erkannte Sehschwäche lässt sich häufige gut behandeln“, fasst Primarius Reinelt zusammen.
Anzeichen für eine Fehlsichtigkeit
Nicht jedes Kind, das beim Lesen müde wird oder einmal über Kopfschmerzen klagt, hat automatisch ein Augenproblem. Treten bestimmte Auffälligkeiten jedoch wiederholt auf, sollte die Sehleistung kontrolliert werden. Hinweise auf eine mögliche Sehschwäche können sein:
- Das Kind kneift beim Blick in die Ferne die Augen zusammen.
- Es sitzt auffallend nahe vor dem Fernsehapparat oder hält Bücher und Bilder sehr dicht vor das Gesicht.
- Es verliert beim Lesen häufig die Zeile oder fährt mit dem Finger unter den Wörtern mit.
- Es verwechselt Buchstaben, lässt Wörter aus oder liest ungewöhnlich langsam.
- Es klagt nach dem Lesen oder Schreiben über Kopfschmerzen, brennende Augen oder starke Müdigkeit.
- Es reibt sich häufig die Augen oder blinzelt auffallend oft.
- Es hält den Kopf schief, dreht ihn beim Sehen zur Seite oder deckt unbewusst ein Auge ab.
- Ein Auge weicht zeitweise oder dauerhaft von der geraden Blickrichtung ab.
- Das Kind stößt häufig an Gegenstände, verschätzt sich bei Abständen oder hat Schwierigkeiten beim Fangen eines Balls.
- Die schulische Leistung oder Konzentrationsfähigkeit verschlechtert sich ohne erkennbare Ursache.
- Auch eine erhöhte Lichtempfindlichkeit, häufig gerötete oder tränende Augen sowie wiederkehrende Entzündungen sollten ärztlich abgeklärt werden.
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