
Menschen in ihrer Gesamtheit begleiten
Granatapfel: Was hat Sie dazu bewogen, die Ausbildung in Psychoonkologie* zu absolvieren?
FRATER MICHAEL: Ich bin Mitarbeiter der Klinischen Psychologie und Psychotherapie in einem Krankenhaus mit onkologischem Schwerpunkt, und ich bin im Alltag immer wieder in Situationen gekommen, in denen ich mein Wissen erweitern wollte. Mein Ziel war es, Patient:innen noch besser begleiten zu können. Als Barmherziger Bruder gehört Fort- und Weiterbildung außerdem zu meinem Selbstverständnis. Es ist Teil des Erbes des heiligen Johannes von Gott, immer wieder neue Wege zu suchen, um Menschen bestmöglich zu helfen.
BARBARA SCHNEIDER: Ich arbeite seit einigen Jahren als Seelsorgerin auf der internistischen Station mit onkologischem Schwerpunkt. In vielen Gesprächen mit Patient:innen ist mir bewusst geworden, dass mir noch ein zusätzliches Rüstzeug fehlt. Daraus entstand die Idee, gemeinsam mit Frater Michael die psychoonkologische Ausbildung zu machen. Für mich war es eine wertvolle Ergänzung meiner seelsorglichen Arbeit.
Wo treffen sich Seelsorge und Psychoonkologie?
BARBARA SCHNEIDER: Beide verfolgen das gleiche Ziel: den Menschen als Ganzes zu sehen. In einem Krankenhaus ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit ungemein wichtig, um um Menschen in einer so belastenden Lebenssituation bestmöglich begleiten zu können. Deshalb braucht es ein breites Wissen und den Blick auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen.
Wie war die Ausbildung aufgebaut?
FRATER MICHAEL: Der Lehrgang der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO) fand in Wien statt und umfasste sieben Module von September 2025 bis Juni 2026. Inhalte waren unter medizinische Grundlagen der Onkologie, psychoonkologische Interventionen, Gesprächsführung, Palliative Care, Ethik, Spiritualität sowie intensives Praxistraining und Selbsterfahrung. Vortragende aus unterschiedlichsten Fach bereichen vermittelten die Inhalte praxisnah und interdisziplinär.
Welche Erfahrungen machten Sie bereits in der Begleitung von Patient:innen?
FRATER MICHAEL: Interessanterweise steht die Krebserkrankung am Anfang oft gar nicht im Mittelpunkt. Die Menschen beschäftigt zunächst die Frage, wie es mit ihrem Leben weitergeht, was aus ihrer Familie wird oder wie sie mit der neuen Situation umgehen können. Erst später kommen Themen wie Chemotherapie oder Nebenwirkungen zur Sprache. Unsere Aufgabe ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihre eigenen Resssourcen wiederzufinden und Wege der Krankheitsbewältigung zu entwickeln.
BARBARA SCHNEIDER: In der Seelsorge spielt Spiritualität eine wichtige Rolle. Ich verstehe Spiritualität als einen sehr offenen Begriff. Für viele Menschen wird sie gerade im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung zu einer wichtigen Ressource. Gemeinsam suchen wir nach dem, was trägt: nach persönlichen Werten, Beziehungen, Hoffnung oder Glauben. Dieser ganzheitliche Blick hilft vielen Betroffenen und ihren Angehörigen.
Wichtiger Teil der Behandlung
Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Graz verstehen wir Gesundheit als Einheit von Körper, Geist und Seele. Unser Ziel ist es, Patient:innen nicht nur medizinisch bestmöglich zu versorgen, sondern sie auch in ihrer seelischen Belastung professionell zu begleiten. Deshalb ist die psychoonkologische Begleitung ein wichtiger Bestandteil der Krebsbehandlung. Sie unterstützt die Menschen dabei, die Erkrankung besser zu bewältigen, ihre persönlichen Ressourcen zu stärken und trotz der belastenden Situation Lebensqualität zu erhalten. Sie kann in jeder Phase der Erkrankung hilfreich sein. Sie beginnt oft bereits mit der Diagnosestellung, begleitet die Therapie und kann auch während der Nachsorge oder in der palliativen Versorgung wertvolle Hilfe und Unterstützung und ein offenes Ohr.
Wir möchten dieses Angebot in den kommenden Jahren weiter ausbauen. Der Bedarf an psychoonkologischer Begleitung nimmt zu. Gleichzeitig zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, wie wertvoll eine frühzeitige psychosoziale Unterstützung für die Krankheitsbewältigung ist. Sie hilft dabei, Belastungen zu erkennen, den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern und die Zusammenarbeit aller an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen zu stärken.
"Unser Anspruch ist es, Menschen in einer der schwierigsten Phasen ihres Lebens nicht allein zu lassen. Eine ganzheitliche Behandlung bedeutet für uns, den Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen und seine körperlichen, seelischen und sozialen Bedürfnisse gleichermaßen zu berücksichtigen."
Mag. Astrid Raditschnigg
(Klinische Psychologin, Psychoonkologin (ÖGPO) und Leiterin Klinische Psychologie und Psychotherapie bei den Barmherzigen Brüdern Graz)
Neugierig auf mehr?
Abonnieren Sie das Granatapfel-Magazin und entdecken Sie regelmäßig Neues und Wissenswertes.