Wenn das Leben eine Kehrtwende macht
Freizeit- oder Arbeitsunfälle, plötzliche medizinische Notfälle und von einem Moment auf den anderen verändert sich das ganze Leben. Viele Menschen erwerben so eine bleibende Hirnschädigung und werden aus dem Leben gerissen.
„Ein hirnorganisches Psychosyndrom – kurz HOPS – bedeutet, dass das Gehirn nach einem Schaden nicht mehr so arbeiten kann wie zuvor“, erklärt Neurologe Dr. Bernd Zechner. „Es wirkt sich auf alle Bereiche des Menschen aus: Schluckvermögen, Kommunikation, Verdauung, Atemwege. Viele Betroffene sind tracheotomiert oder auf enterale Ernährung angewiesen.“
Wahrnehmung, Reaktionen, Emotionen und die Fähigkeit, Bedürfnisse auszudrücken, verändern sich grundlegend. Für Betroffene wie Angehörige ist das ein dramatischer Einschnitt.

Neurologe Dr. Bern Zechner (links) und DGKP Heinz Stampfl, Leiter der Wohngruppe Martin, besprechen den Einsatz von Trachealkanülen mit Sprechfunktion sowie die damit verbundenen Verteile für die Betroffenen.
Nach der Akutphase und der Rehabilitation stellt sich eine entscheidende Frage: Wo können Menschen leben, die 24 Stunden medizinisch-pflegerische Versorgung, fachliche Expertise und viel Geduld brauchen? Und das ein Leben lang. Hier beginnen die Anforderungen, denn solche Einrichtungen sind selten. Mit der Gesundheitseinrichtung der Lebenswelten Steiermark in Kainbach bei Graz gibt es einen Standort, der diese Versorgung nicht nur ermöglicht, sondern spezialisiert darauf ist. Auch aus anderen Bundesländern kommen laufend Anfragen, weil dort passende Angebote fehlen.
In der Wohngruppe Martin, die mehrere Menschen mit HOPS versorgt, erleben Leiter Heinz Stampfl und sein Team täglich die vielfältigen Auswirkungen dieser Diagnose. Stampfl war mehr als 20 Jahre Intensivpfleger und kennt die komplexen Anforderungen sowie die Bandbreite dieser Fälle: „Viele Betroffene, die bei uns leben, wirken wach, aufmerksam und emotional verbunden. Für Angehörige entsteht schnell der Eindruck, es könnte bald wieder wie früher werden, aber die neurologische Realität sieht oft anders aus.“ Dieser Spannungsbogen zwischen Hoffnung und Begrenzung sei für Familien schwer auszuhalten.
Hinzu kommt, dass Betroffene heute häufig jünger sind als früher – viele zwischen 25 und 55 Jahren, mit Partner:innen, Kindern, oft inmitten ihres Berufslebens. Angehörige geraten dadurch oft an ihre Belastungsgrenzen.
Spezialisierte Versorgung
In den Lebenswelten Steiermark erhalten Menschen mit schweren hirnorganischen Schädigungen eine umfassende, interdisziplinäre medizinisch-pflegerische sowie therapeutische Versorgung und Begleitung. So tragen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie dazu bei, Bewegungsabläufe, Kommunikationsfähigkeiten und Alltagskompetenzen zu erhalten und zu fördern, während das Ärzte- und Pflegeteam rund um die Uhr eine spezialisierte Versorgung sicherstellt.

Wohngruppen-Ärztin Dr. Tanja Grabner bei der täglichen Visite.
„Unser Ziel ist, die Lebensqualität der Bewohner:innen zu erhalten und nach Möglichkeit zu verbessern, trotz der Herausforderungen, die ihre Erkrankungen mit sich bringen“, betont Dr. Zechner. „Wir bieten eine kontinuierliche medizinisch-pflegerische Versorgung durch ein multiprofessionelles Team, das spezialisierte Fachkräfte, modernste Therapieansätze und ein interdisziplinäres Netzwerk vereint – entscheidend für Menschen mit komplexen neurologischen Schädigungen.“
„Wir können bei uns Entwicklungen beobachten, begleiten und manchmal auch kleine Fortschritte erzielen“, ergänzt Stampfl. „Doch entscheidend ist, dass diese Menschen fachlich richtig versorgt, sicher und in Würde leben können.“
Die Lebenswelten Steiermark übernehmen damit eine Aufgabe, die gesellschaftlich unverzichtbar ist: Sie geben Menschen eine Zukunft, deren Leben eine unerwartete Kehrtwende genommen hat und sie entlasten Familien, die diese Situation allein nicht bewältigen könnten.