Bioethik im Kino
DREI AKTUELLE SPIELFILME
In den letzten Monaten kamen drei Spielfilme in die Kinos, die sich mit medizin- bzw. bioethisch relevanten Themen auseinandersetzen:
In „24 Wochen“ wird die Geschichte eines Paares erzählt, das im Zuge der Schwangerschaftsuntersuchung zunächst erfährt, dass ihr Kind Trisomie 21 (Down Syndrom) hat. Während das Paar beginnt, sich auf diese Situation einzustellen, kommt die nächste Diagnose: ein schwerer Herzfehler des Kindes. Für das Paar stellt sich die Frage, ob die Schwangerschaft unter diesen Vorzeichen fortgesetzt oder abgebrochen werden soll.
In „Der Landarzt von Chaussy“ lernen die Zuseherinnen Dr. Werner kennen, der seit über 30 Jahren als Hausarzt in einem französischen Dorf praktiziert. Schließlich steht er vor der Aufgabe, seine Praxis an eine Nachfolgerin zu übergeben. Damit treten Fragen nach dem ärztlichen Ethos einst und jetzt, der professionellen Haltung eines Hausarztes und dessen über das medizinische Fachwissen hinausgehende psychosoziale Funktion für die Gesellschaft auf.
In „Nebel im August“ geht es um die Ermordung von Kranken im sogenannten Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten. Erzählt werden die Erlebnisse aus der Perspektive des 13-jährigen Ernst Lossa, der als Heimkind die Tötungshandlungen von Ärzten und Pflegekräften durchschaut, dagegen ankämpfen möchte, schließlich aber selbst wegen seines „rebellischen Wesens“ ermordert wird. Der Film handelt damit von einem der dunkelsten Kapitel der europäischen Medizin- und Pflegegeschichte und zugleich von einen Anknüpfungspunkt der Medizin- und Pflegeethik nach 1945.
KLASSIKER BIOETHISCHER SPIELFILME
Jenseits dieser drei aktuellen Filme gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Spielfilme, die bioethische Themen behandelten:
- Mein linker Fuß (Thema Leben mit körperlicher Behinderung)
- Liebe (Thema Lebensende mit Schlaganfall)
- Halt auf freier Strecke (Thema Lebensende mit Hirntumor)
- Alles, was wir geben mussten (Thema Rettungskind)
- Beim Leben meiner Schwester (Thema Rettungskind)
- Schmetterling und Taucherglocke (Thema Locked-in Syndrom)
- Gattaca (Thema Eugenik)
WARUM SPIELFILM?
Man könnte sich fragen, warum gerade Spielfilme für die ethische Diskussion bedeutsam sind. Immerhin gibt es zu all den genannten Themen (und zu noch mehr) gute Dokumentationen im Fernsehen. Spielfilme bleiben demgegenüber immer etwas „künstlich“, „theatralisch“, „gespielt“ eben.
Und dennoch können Spielfilme für die ethische Auseinandersetzung etwas vermitteln, das in Dokumentationen oder Texten nicht so leicht gelingt: die Persönlichkeiten der handelnden Akteure, mit ihren emotionalen Höhen und Tiefen, charakterlichen Tugenden und Lastern; die Komplexität des Kontexts von Fragen, von Zeit und Raum ethisch relevanter Entscheidungen.
Spielfilme sind damit Ausdruck einer narrativen (erzählenden) Ethik, die seit Jahrtausenden unsere Überzeugungen vom Rechten, Guten und Vorbildhaften (bzw. Falschen, Schlechten und Lasterhaften) prägt. Erzählungen sprechen mehr und andere Einflussfaktoren unserer ethischen Urteilsbildung an, als dies Sachdiskurse könnten. Ihr Einfluss auf die emotionalen Aspekte unserer Urteilsbildung wird daher zuweilen kritisch betrachtet: Verführen uns Erzählungen nicht zu einem Urteil, das wir bei nüchterner Analyse so nicht treffen würden?
In der Tat erfordert die ethische Urteilsbildung Reflexion, d.h. eine kritische Auseinandersetzung (Hermeneutik) mit dem Erzählten. Das gilt auch für Spielfilme. Da wir Menschen aber nicht nur „rationale Analyse- und Urteilsmaschinen“ sind, fließen in unsere Entscheidungen ohnedies immer auch emotionale Aspekte mit ein, wie sie von Erzählungen bzw. Spielfilmen speziell transportiert werden. Insofern ist es für die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen gut, dass diese Erzählungen auch mit den Mitteln des modernen Spielfilms aufgegriffen werden, damit der ethische Diskurs dort ansetzen kann.
Weiterführende Fachliteratur:
- Friedman LD, editor. Cultural Sutures: Medicine and Media. Durham, NC: Duke University Press; 2004.
- Schmidt KW, Maio G, Wulff HJ, editors. Schwierige Entscheidungen -- Krankheit, Medizin und Ethik im Film. Frankfurt aM: Haag + Herchen; 2008.
- Shapshay S, editor. Bioethics at the Movies. Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press; 2009.
- Teays W. Seeing the Light: Exploring Ethics through Movies. Chichester: Wiley-Blackwell; 2012.
- Watson JC, Arp R. What's Good on TV? Understanding Ethics through Television. Chichester: Wiley-Blackwell; 2011.