„Dieses Haus hat nie aufgehört, nach vorne zu blicken“

150 Jahre Krankenhausgeschichte – das bedeutet weit mehr als Zahlen und Jahresdaten. Es ist die Geschichte eines Hauses, das Generationen von Menschen begleitet, medizinische Entwicklungen mitgetragen und gesellschaftliche Veränderungen miterlebt hat. Zum Jubiläum des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder St. Veit/Glan, das am 26. Juni 2026 gefeiert wird, entstand mit der Festschrift „Chroniken eines Werks christlicher Nächstenliebe“ ein umfassendes Zeitdokument, das Vergangenheit und Gegenwart des Hauses verbindet.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung übernahm die Historikerin und Kunsthistorikerin Lydia Elek MA vom Stadtmuseum St. Veit an der Glan.
Mit großer Sorgfalt, historischem Feingefühl und einem Blick für die Menschen hinter den Quellen arbeitete sie sich durch Archive, Chroniken und handschriftliche Aufzeichnungen – und stieß dabei auf bewegende Geschichten, überraschende Entwicklungen und viele Zeichen gelebter Hospitalität.

Einst und Heute: Ein Krankenhaus mit langer Tradition
Zur Person
Lydia Elek MA ist freischaffende Historikerin und Kunsthistorikerin im Stadtmuseum St. Veit an der Glan. Ihre wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen im Bereich der Kultur- und Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts.
Für die Jubiläumsfestschrift „150 Jahre Krankenhaus der Barmherzigen Brüder St. Veit/Glan“ übernahm sie die historische Recherche sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung der Hausgeschichte und arbeitete dafür zahlreiche Archivquellen und handschriftliche Chroniken auf.
Der medizinische Fortschritt hat enorme Entwicklungen möglich gemacht.
150 Jahre Geschichte – das ist ja kein Projekt, das man einfach „abarbeitet“. Wie sind Sie ganz persönlich an diese Arbeit herangegangen?
Gab es so etwas wie einen ersten Moment, wo Sie gespürt haben: Das wird etwas Besonderes?
Lydia Elek MA: Zuerst fühlt man sich selbstverständlich geehrt so eine Festschrift verfassen zu dürfen, in einem zweiten Gedanken war ich einfach nur voll der Neugier was mit dem hauseigenen Archivmaterial auf mich zukommt. Tatsächlich könnte man das 19. Jahrhundert fachlich als mein persönliches Steckenpferd bezeichnen, da ich aber bis ins heute die Geschichte des Hauses zu bearbeiten hatte, habe ich zu Beginn ehrlicherweise recht systemlos quer Beet gelesen: über Medizingeschichte während der Zeit der Weltkriege, Architekturgeschichtliches zum Thema Krankenhausbauten, aber tatsächlich auch Science Fiction-Literatur aus den 1970ern. Das waren meine ersten Impulse und ich habe rasch Feuer gefangen. Parallel habe ich mich bald an die Transkription der handschriftlichen Archivalien gemacht und war dann schon mittendrin.
Wenn man sich so intensiv mit einem Haus beschäftigt – gab es etwas, das Sie überrascht hat?
Vielleicht etwas, das man heute so gar nicht mehr erwarten würde?
Was mich tatsächlich sehr überrascht, aber noch mehr beeindruckt hat ist, dass bis heute handschriftlich Jahresrückblicke abgefasst werden. In Zeiten der Digitalisierung ist dies wahrlich eine Seltenheit. Persönlich finde ich, und ich schreibe selbst noch bewusst viel mit Stift auf Papier, dass die Verbindung der Verfasser mit der Institution Krankenhaus der Barmherzigen Brüder St. Veit durch das händische Dokumentieren eine besondere Tiefe erlangt. Für den Historiker kann es natürlich nach mehreren Jahrzehnten mühsam sein sich in die unterschiedlichen Handschriften einzulesen, worüber ich mich aber nicht beschweren mag, denn derweil ist die KI beim Entziffern von Kurrentschrift weniger zuverlässig als ich – Historiker sind vorerst also unersetzlich.
Viele verbinden ein Krankenhaus vor allem mit Medizin – aber in Ihrer Arbeit wird ja deutlich, dass es auch sehr stark um Menschen und gesellschaftliche Entwicklungen geht.
In Krankenhäusern laufen gesellschaftliche, kulturelle, technische, wirtschaftliche und philosophisch-religiöse Stränge zusammen. Es treffen Menschen aller Gesellschaftsschichten im Krankenhaus aufeinander, nicht selten in Extremsituationen. Wie gehe ich mit Tod und Krankheit um, persönlich, aber auch gesamtgesellschaftlich? Technischer Fortschritt hat die Grenzen, worauf wir im Krankheitsfalle hoffen dürfen, weit hinausgeschoben in den vergangenen Jahrzehnten. Dies zu finanzieren, zu managen und dabei die christlichen Werte als Rahmenbedingungen zu erhalten, den Menschen im Mittelpunkt nicht zu vergessen, ist ein Balanceakt und Kunststück.
Was macht die Geschichte dieses Hauses aus historischer Sicht besonders?
Ich habe keine Bestechungsgelder entgegengenommen dafür, dass ich sage, dem Krankenhaus St. Veit kommt über die vergangenen hundertfünfzig Jahre eine Vorreiterrolle zu: erste Frauenabteilung der Österreichischen Ordensprovinz, Outsourcing der Kulinarik als erstes Krankenhaus österreichweit, erste Babyklappe in Kärnten, erstes Kärntner Krankenhaus mit pCC inkl. KTQ-Zertifizierung, eines der ersten Brustzentren in Österreich, erstes Krankenhaus der Provinz mit der EMAS-Zertifizierung für Umweltstandards, erste Palliativstation in Kärnten - die Liste ist scheinbar endlos.
Gab es eine Geschichte oder ein Detail, das Ihnen besonders nahegegangen ist? Etwas, das Sie persönlich nicht mehr losgelassen hat?
Tatsächlich hat mich der Neubau der Kapelle berührt. Das von allen Seiten gemeinsam finanzierte Projekt drückt den äußerlichen Wandel des Krankenhauses zu einer modernen, hoch technisierten Einrichtung bei unveränderlicher innerer Haltung aus. Eine Gemeinschaft baut im Herzen einer Krankenheilanstalt in den 1970ern eine neue Kapelle, ein starkes Zeichen.
Wenn Sie die 150 Jahre in einem Bild oder Gefühl zusammenfassen müssten – Was würden Sie sagen: Wofür steht dieses Krankenhaus?
Zuversicht. Weil die Quellen den Eindruck vermitteln, dass es zu keiner Zeit in der bewegten Geschichte der Institution in Frage stand aufzugeben, sondern unermüdlich gearbeitet wurde. Warum sich nicht dies zum Vorbild nehmen? Man darf optimistisch in die Zukunft blicken.
Und vielleicht ganz praktisch für uns alle hier: Was würden Sie den Gästen empfehlen – worauf sollten wir achten, wenn wir die Festschrift lesen?
Eben darauf. Lassen Sie sich von der Resilienz ihres Krankenhauses inspirieren.
Einst

Kronprinz-Rudolf-Spital in St. Veit, kolorierter Holzstich um 1880

Fotografie des Operationssaals in den 1920ern

Renovierter Stationsstützpunkt im Mitteltrakt

Die Säulingsstation 1993

Enthüllung der Granatafel-Skulptur von Wu Shaoxiang durch den Künstler selbst und Bürgermeister Gerhard Mock anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums 2002
Heute
