
Allerheiligen und Allerseelen: Was Heilige uns heute sagen können
Am 1. November feiert die katholische Kirche Allerheiligen. Dabei geht es um mehr als um jene Frauen und Männer, deren Namen in Kalendern stehen, deren Bilder Kirchen schmücken oder die offiziell heiliggesprochen wurden. Allerheiligen erinnert daran, dass jeder Mensch zu einem Leben gerufen ist, in dem Gottes Liebe sichtbar werden kann.
Papst Franziskus hat diesen Gedanken 2018 in seinem Schreiben „Gaudete et exsultate” besonders anschaulich formuliert. Er sprach von der „Heiligkeit von nebenan“. Er dachte dabei an Eltern, die ihre Kinder liebevoll erziehen, an Frauen und Männer, die ihrer täglichen Arbeit nachgehen, sowie an Kranke und ältere Ordensleute. Heiligkeit zeigt sich in dieser Sichtweise nicht zuerst im Außergewöhnlichen, sondern kann mitten im Alltag entstehen.
An anderer Stelle schreibt Franziskus: „Jeder Heilige ist eine Sendung.“ Jeder von ihnen gibt einem bestimmten Aspekt des Evangeliums zu einer bestimmten Zeit konkrete Gestalt. Genau so lassen sich auch die Heiligen und Seligen der Barmherzigen Brüder betrachten.
Unterschiedliche Menschen – eine gemeinsame Haltung
Vier Angehörige des Hospitalordens wurden bislang heiliggesprochen: Johannes von Gott, Johannes Grande, Richard Pampuri und Benedikt Menni. Hinzu kommen 97 Selige: José Olallo Valdés, Eustachius Kugler sowie 95 Märtyrer des Hospitalordens, die während der Verfolgungen in Spanien in den Jahren 1936 und 1937 ums Leben kamen.
Ihre Biografien könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie lebten in verschiedenen Jahrhunderten und Ländern, waren Pfleger und Ärzte, Seelsorger, Ordensobere oder einfache Brüder. Einige von ihnen bauten Krankenhäuser auf, andere reformierten die Versorgung kranker Menschen, wieder andere begleiteten Menschen mit Behinderungen oder blieben den ihnen Anvertrauten selbst in lebensbedrohlichen Situationen treu.
Am Anfang steht Johannes von Gott (1495–1550). Auch sein Lebensweg verlief keineswegs geradlinig. Nach vielen Jahren der Suche fand er schließlich in Granada seine Aufgabe: für kranke, arme und ausgegrenzte Menschen da zu sein. Dabei genügte es ihm nicht, irgendwie zu helfen. Die Tradition des Ordens fasst seinen Anspruch in dem Satz „Gutes tun und es gut tun“ zusammen. Darin steckt ein Gedanke, der fast 500 Jahre später überraschend aktuell ist.
Was heißt das heute?
Papst Leo XIV. sagte an Allerheiligen 2025, das Leben der Heiligen zeige, dass es möglich sei, „in der Komplexität unserer Zeit“ engagiert zu leben und der eigenen Sendung treu zu bleiben. Heilige sind somit keine Menschen aus einer idealisierten Vergangenheit. Ihre Lebensgeschichten können vielmehr zum Maßstab für gegenwärtiges Handeln werden. Für die Barmherzigen Brüder betrifft das zunächst das eigene Ordensleben. Die Frage nach der Nachfolge des heiligen Johannes von Gott muss sich jede Generation neu stellen. Sie betrifft jedoch nicht nur die Brüder.
Weltweit tragen Zehntausende Mitarbeitende die Einrichtungen des Ordens. Sie behandeln und pflegen Menschen, begleiten ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen, arbeiten in den Bereichen Therapie, Seelsorge, Sozialarbeit, Verwaltung, Technik, Küche oder Reinigung und übernehmen Führungsverantwortung. Nicht alle von ihnen teilen denselben Glauben. Unabhängig davon stellt sich eine gemeinsame Frage: Wie begegnen wir einem Menschen, der auf uns angewiesen ist? Wird er oder sie hauptsächlich als Patient, Fall, Bewohner, Kunde oder Aufgabe wahrgenommen – oder zuerst als Mensch mit einer unverwechselbaren Geschichte und Würde? Bleibt trotz Zeitdrucks Raum für Aufmerksamkeit? Verbinden wir fachliche Qualität mit menschlicher Zuwendung? Übernehmen wir Verantwortung, auch wenn es unbequem wird?
In solchen unspektakulären Entscheidungen erhält der Satz „Gutes tun und es gut tun“ seine heutige Bedeutung. Vielleicht ist das auch eine Form jener „Heiligkeit von nebenan“, von der Franziskus gesprochen hat: nicht spektakulär, häufig kaum sichtbar, aber erfahrbar für die Menschen, denen sie zugutekommt.
Menschen, die Spuren hinterlassen
Besonders radikal stellt sich die Frage nach Verantwortung beim Blick auf die 95 seligen Märtyrer des Hospitalordens in Spanien. 71 von ihnen wurden 1992 seliggesprochen, weitere 24 im Jahr 2013. Ihre Situation lässt sich nicht einfach auf unsere Gegenwart übertragen. Ihr Zeugnis erzählt jedoch von einer Haltung, die verständlich bleibt: Menschen nicht im Stich zu lassen, Verantwortung auch unter schwierigen Bedingungen wahrzunehmen und den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben.
Heilige und Selige sind deshalb keine fehlerlosen Helden. Christlich verstanden sind sie Menschen, deren Leben etwas von dem sichtbar werden ließ, worauf das Evangelium zielt. Franziskus formulierte es so: Ein Heiliger lässt einen bestimmten Aspekt des Evangeliums „konkrete Gestalt“ annehmen. Bei Johannes von Gott war es die bedingungslose Hinwendung zu Menschen in Not. Bei anderen waren es Beharrlichkeit, Mut, Fürsorge, Reformbereitschaft oder die Treue zu einer übernommenen Verantwortung.
Allerseelen: nicht nur zurückblicken
Einen Tag nach Allerheiligen verändert sich die Perspektive. Am 2. November, Allerseelen, gedenkt die Kirche aller Verstorbenen. Nun stehen nicht die bekannten Heiligen und Seligen im Mittelpunkt. Gedacht wird der unzähligen Menschen, deren Namen in keinem Heiligenkalender stehen: Eltern und Großeltern, Freunde und Wegbegleiter, Ordensbrüder und Mitarbeitende. Und auch jener Patient:innen und Bewohner:innen, die in unseren Einrichtungen begleitet wurden. Gerade in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Hospizen und anderen sozialen Diensten ist der Tod keine abstrakte Wirklichkeit. Mitarbeitende erleben Abschied, begleiten Sterbende und begegnen Angehörigen in ihrer Trauer.
Der christliche Glaube nimmt diesen Schmerz ernst. Gleichzeitig verbindet er die Erinnerung mit Hoffnung. Papst Leo XIV. hat dies zu Allerseelen 2025 bemerkenswert prägnant ausgedrückt. Christliches Gedenken sei nicht nur Erinnerung an Vergangenes, sondern „auf Zukunft gerichtete Hoffnung“. Diese Hoffnung gründet für Christen in Tod und Auferstehung Jesu. Leo fasste sie in einen einfachen Satz:
„Die Liebe besiegt den Tod.“ Das bedeutet jedoch nicht, Trauer kleinzureden oder den Verlust eines Menschen mit schnellen Antworten erklären zu wollen. Vielmehr behauptet die christliche Hoffnung: Ein menschliches Leben verliert mit dem Tod nicht seinen Wert. Die Beziehung Gottes zu diesem Menschen endet nicht.
Was von einem Leben bleibt
Allerheiligen und Allerseelen gehören deshalb eng zusammen. An einem Tag werden Menschen geehrt, deren Leben die Kirche ausdrücklich als beispielhaft anerkennt. Der andere erinnert an all jene Verstorbenen, die zu unserem eigenen Leben gehört haben. Beide Tage stellen damit letztlich auch eine Frage an Lebende: Was soll von meinem Leben bleiben?
Die Heiligen und Seligen der Barmherzigen Brüder geben darauf keine einheitliche Antwort. Ihre Lebenswege waren zu verschieden. Aber durch viele ihrer Biografien zieht sich eine gemeinsame Spur: die Aufmerksamkeit für andere Menschen, besonders für jene, die krank, arm, schwach oder ausgegrenzt waren.
Nicht jeder Mensch wird heiliggesprochen. Und nicht jeder muss Außergewöhnliches vollbringen. Vielleicht beginnt das, woran Allerheiligen erinnert, tatsächlich sehr viel näher, als wir denken. Nämlich dort, wo ein Mensch den anderen wahrnimmt, Verantwortung übernimmt und versucht, das Gute nicht nur zu tun, sondern es auch gut zu tun.