Wie Ethik bei schweren Entscheidungen entlasten kann
In der aktuellen Folge von „Lebenswerk“, dem Podcast der Ordensspitäler Österreichs, diskutieren Dr. Renate Riesinger (Ethikkoordinatorin und Oberärztin der Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried) und Dr. Jürgen Wallner (Leiter des Ethikprogramms der Barmherzigen Brüder Ordensprovinz Europa Mitte) über Ethik im Klinikalltag.
Ethik klingt nach dickem Wälzer und viel Theorie. Im Krankenhausalltag ist sie jedoch das genaue Gegenteil. „Ethik soll dazu beitragen, dass gute Entscheidungen getroffen werden. Sie soll Mitarbeitende beim Treffen dieser Entscheidungen unterstützen und in der Versorgung der Patient:innen spürbar sein“, erklärt Dr. Riesinger im Podcast „Lebenswerk“. Wie das in der Praxis aussieht, verdeutlicht sie an einem Beispiel: „Eine Patientin, die nicht selbst äußern kann, was sie möchte, könnte zu einer lebensverlängernden Behandlung auf eine Intensivstation verlegt werden. Doch diese Behandlung ist für die Patientin sehr belastend. Eine Ethikberatung kann hier helfen herauszufinden, ob diese Person die Belastungen für eine Lebensverlängerung überhaupt in Kauf nehmen möchte.“
Bei den Ordensspitälern ist Ethik fest verankert. Eine Vorreiterrolle haben die Barmherzigen Brüder übernommen, die bereits im Jahr 1994 einen eigenen Ethikkodex eingeführt haben. Doch ein Regelwerk allein macht für Dr. Wallner noch keine gelebte Ethik aus: „Ethik besteht darin, selbst Verantwortung zu übernehmen. Es gibt Menschen, die sagen: ‚Warum sagst du mir nicht einfach, was ich tun soll?‘ Und da muss ich sagen: Das kann man schon machen, aber da können wir nicht das Etikett Ethik draufkleben. Ethik verlangt immer eine eigenverantwortliche Situationsbewältigung.“
Von der Krebsdiagnose bis zur Reanimationsfrage
Wie breit das Spektrum ethischer Fragen im Krankenhausalltag ist, führen die beiden Expert:innen im Podcast aus. „Da war die Anfrage eines Kollegen, der bei einem Patienten mit Down-Syndrom eine Krebserkrankung diagnostiziert hatte und Sorge hatte, dass dieser Mann aufgrund seiner Beeinträchtigung über- oder untertherapiert wird. Dieses Thema haben wir dann strukturiert besprochen“, erzählt Dr. Riesinger.
Ein zentrales Thema ist ebenfalls die Frage, was passiert, wenn keine Patientenverfügung vorliegt oder diese im Notfall nicht rechtzeitig zur Hand ist. „Die erste Hoffnung ist, dass jemand da ist, der den Patienten oder die Patientin persönlich kennt. Es ist wichtig herauszufinden: Wer ist dieser Mensch, der momentan nicht ansprechbar ist? Was ist ihm wichtig, was möchte er auf keinen Fall?“, betont Dr. Wallner. Und weiter: „Die Patientenverfügung als Schriftstück ist immer ein wertvoller Baustein. Aber mindestens genauso wichtig ist es zu schauen: Wer kennt den Menschen?“
Was aber, wenn Patient:innen und Angehörige unterschiedliche Vorstellungen haben? Für Dr. Wallner ist die Antwort eindeutig: „Man muss sich vor Augen führen, wem das Behandlungsteam primär verpflichtet ist, nämlich den Patient:innen. Natürlich versucht man, alle mit an Bord zu holen, und die Angehörigen sind ein wichtiger Part. Aber was nicht passieren darf, ist, dass eher auf die Angehörigen eingegangen wird, weil diese besser in der Lage sind, sich zu artikulieren, während die betroffene Person krankheitsbedingt geschwächt ist. Das ist nicht die adäquate Haltung, wenn man Patient:innen ernst nehmen möchte.“
Wo Ordensspitäler Grenzen ziehen
Ein sensibles Feld berührt die Frage nach den Grenzen, etwa beim Umgang mit dem assistierten Suizid. Dazu Dr. Renate Riesinger: „Der Schutz des Lebens ist eine fundamentale Grenze der Ordensspitäler. Beim assistierten Suizid positionieren wir uns deutlich: Das ist nicht Aufgabe oder Teil des Angebotes. Dennoch unterstützen und betreuen wir natürlich Menschen mit Wünschen nach assistiertem Suizid oder einer Sterbeverfügung weiter.“
Dr. Jürgen Wallner verweist darauf, dass Ordensspitäler von Ordensgemeinschaften mit jeweils eigenem Charisma getragen werden. Für die Barmherzigen Brüder sei die Frage nach ethischen Grenzen daher immer eng mit dem Erbe ihres Gründers verbunden: „Die katholische Morallehre und die rechtlichen Rahmenbedingungen sind bekannt und klar. Die eigentliche Herausforderung der klinischen Ethik liegt darin, diese Grenzen mit dem betroffenen Menschen gemeinsam herauszufinden. Unser Ordensgründer Johannes von Gott hat sich vor 500 Jahren bis an die äußerste Grenze gewagt, um niemanden im Stich zu lassen. Es geht uns nicht um abstrakte Verbote, sondern um eine ganz praktische, lebensnahe Begleitung von Menschen in all ihren vielfältigen Problemen. Es wäre bequemer und weniger angreifbar, vorschnell eine Grenze zu ziehen. Aber unser Auftrag, eine bedingungslose Gastfreundschaft anzubieten, ist keine pauschale Erlaubnis für alles und jedes. Es ist eine Zumutung auch an uns selbst, nicht vorschnell zu sagen: ‚Hier ist meine Grenze und damit ist alles gesagt.‘ So würde ich die wirkliche Herausforderung beschreiben.“
Was Ethik leisten kann und was nicht
Am Ende ziehen beide Gäste ein klares Fazit. „Ethik kann Menschen dabei helfen zu heilen, aber sie kann nicht selbst heilen“, sagt Dr. Wallner. Sie sei ein wertvolles Werkzeug, um den eigenen Weg zu finden und anderen beizustehen, nehme einem die Auseinandersetzung aber nicht ab: „Ethik kann Menschen zunächst sogar unglücklicher machen, weil sie alte Muster infrage stellt. Das ist für niemanden angenehm. Aber mittel- und längerfristig ist es der Weg, besser mit Situationen umzugehen und der eigenen Welt- und Menschensicht gerecht zu werden.“
Dr. Riesinger unterstreicht, dass Ethik Entscheidungen transparenter machen kann. Besonders am Herzen liegt ihr der gesellschaftliche Auftrag: „Auf Organisationsebene kann Ethik dazu beitragen, dass Menschen, die sich in der Kommunikation schwerer tun, gleichberechtigt an unserem Gesundheitssystem teilnehmen und betreut werden können.“ Genau hier zeigt sich, was die Ordensspitäler ausmacht: Getragen von Ordensgemeinschaften verstehen sie ihren Auftrag nicht als bloße medizinische Leistung auf Spitzenniveau, sondern als bedingungslose Zuwendung zum Menschen. Die Ethik bildet das Fundament dieser Haltung.
Ein Appell zum Schluss: Reden Sie miteinander über das Lebensende!
Den Hörer:innen geben beide eine persönliche Botschaft mit auf den Weg. Palliativmedizinerin Dr. Riesinger appelliert: „Reden Sie mit Ihren Angehörigen, mit Ihren Freunden, mit Ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten, was Ihnen wichtig ist und wie Sie sich Ihr Lebensende vorstellen. Diese Gespräche sind nicht einfach zu führen, machen aber vieles klarer. Und falls Sie irgendwann nicht mehr selbst sprechen können, können Ihre Angehörigen uns unterstützen, gute Entscheidungen für Sie zu treffen.“ Dr. Wallner schließt mit einem Plädoyer für die Eigenverantwortung: „Verwechseln Sie Ethik nicht damit, dass irgendwelche Leute glauben zu wissen, was einzig richtig oder falsch ist. Verstehen Sie Ethik so, dass es Menschen gibt, die sich bemühen, Ihnen bei der Urteilsfindung zu helfen, aber Ihnen Ihre eigene Urteilskraft nicht abnehmen. Diese Mitverantwortung müssen wir als Menschen immer selbst tragen.“
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DIE Ordensspitäler Österreichs
Die 23 Ordensspitäler Österreichs betreuen jährlich rund zwei Millionen Patientinnen und Patienten und stellen damit eine bedeutende Säule des österreichischen Gesundheitswesens dar. Bundesweit steht jedes fünfte Spitalsbett in einem Ordenskrankenhaus. In absoluten Zahlen sind es etwa 7.100 Betten. Über 200.000 Patientinnen und Patienten werden jährlich operiert. Mit rund 20.000 Mitarbeitenden sind die Ordensspitäler ein wichtiger Arbeitgeber.