Die Bekehrung des Johannes von Gott
Wie eine Predigt des Johannes von Ávila seinen Lebensweg veränderte.
Wie eine Predigt des Johannes von Ávila seinen Lebensweg veränderte.
Am 20. Jänner 1539 hörte Johannes von Gott in Granada eine Predigt des heiligen Johannes von Ávila. Die Worte über Umkehr, Gottes Barmherzigkeit und die Nachfolge Christi erschütterten ihn tief. Sie lösten eine schwere persönliche Krise aus und wurden zum Ausgangspunkt einer grundlegenden Neuorientierung.
Seine Bekehrung war jedoch nicht mit einem einzigen Augenblick abgeschlossen. Erst durch seine eigenen Erfahrungen als Patient im Königlichen Hospital, die geistliche Begleitung durch Johannes von Ávila, eine Wallfahrt nach Guadalupe und die Begegnung mit kranken und armen Menschen erkannte Johannes Schritt für Schritt seine Berufung: Er wollte sein Leben in den Dienst leidender und ausgegrenzter Menschen stellen. Auf diesem Weg nahm die Hospitalität konkrete Gestalt an.
Datum: 20. Jänner 1539
Ort: Kartause der Märtyrer in Granada
Prediger: heiliger Johannes von Ávila
Unmittelbare Folge: tiefe religiöse und persönliche Krise
Prägende Erfahrung: Aufenthalt im Königlichen Hospital von Granada
Geistlicher Begleiter: Johannes von Ávila
Bedeutung: Beginn seines Weges zu einem Leben im Dienst an kranken, armen und ausgegrenzten Menschen
Johannes lebte damals als Buchhändler in Granada. Hinter ihm lagen viele Jahre der Suche: Er hatte unter anderem als Hirte, Soldat, Arbeiter und fliegender Buchhändler gelebt, ohne eine endgültige Antwort auf die Frage nach dem Sinn und der Aufgabe seines Lebens zu finden.
Am Gedenktag des heiligen Sebastian besuchte er in der Kartause der Märtyrer eine Predigt des bekannten Theologen und Seelsorgers Johannes von Ávila. Nach der frühen Biografie von Francisco de Castro trafen dessen Worte Johannes so sehr, dass er nach der Predigt öffentlich um Gottes Erbarmen bat. Er verschenkte einen großen Teil seines Besitzes, gab religiöse Bücher weiter und zerstörte Bücher, die für ihn sein bisheriges Leben verkörperten.
Sein Verhalten erregte in Granada großes Aufsehen. Was Johannes als radikale Umkehr und Ausdruck seiner inneren Erschütterung erlebte, wurde von seiner Umgebung als Zeichen einer psychischen Erkrankung verstanden.
Die historischen Quellen beschreiben Johannes nach der Predigt als völlig außer sich. Aus heutiger Sicht lässt sich sein damaliger seelischer Zustand nicht verlässlich diagnostizieren. Erkennbar ist jedoch eine tiefgreifende religiöse und persönliche Krise: Johannes stellte sein bisheriges Leben radikal infrage und suchte nach einem neuen Anfang.
Zunächst wurde er zu Johannes von Ávila gebracht, der ihn beruhigte und ihm geistlichen Beistand gab. Da sein auffälliges Verhalten anhielt, brachte man Johannes schließlich in das Königliche Hospital von Granada. Dort wurde er gemeinsam mit Menschen untergebracht, die damals als psychisch krank galten.
Im Königlichen Hospital erfuhr Johannes am eigenen Leib, wie hart und entwürdigend Menschen mit psychischen Erkrankungen im 16. Jahrhundert behandelt werden konnten. Gewalt, Zwang und Bestrafung galten vielfach als geeignete Mittel, um auffälliges Verhalten zu unterdrücken. Diese Erfahrung veränderte seinen Blick auf kranke Menschen. Johannes nahm nicht nur das körperliche Leiden wahr, sondern auch Einsamkeit, Angst, Ausgrenzung und den Verlust persönlicher Würde. Bereits während seines Aufenthalts begann er, anderen Patienten beizustehen. In ihm reifte der Wunsch nach einem Hospital, in dem verlassene, kranke und psychisch belastete Menschen aufgenommen und mit Respekt, Zuwendung und fachlicher Sorgfalt betreut würden. Seine eigene Krise und seine Erfahrungen als Patient wurden damit zu wichtigen Stationen auf dem Weg zu seiner späteren Aufgabe.
Der heilige Johannes von Ávila spielte für die weitere Entwicklung Johannes von Gotts eine entscheidende Rolle. Er half ihm, seine religiöse Begeisterung zu ordnen, seine Berufung zu prüfen und aus der inneren Erschütterung einen tragfähigen Lebensweg entstehen zu lassen. Nach seiner Entlassung aus dem Hospital unternahm Johannes eine Wallfahrt zum Marienheiligtum von Guadalupe. Später besuchte er Johannes von Ávila in Baeza und sprach mit ihm über seine Pläne. Der erfahrene Seelsorger ermutigte ihn, nach Granada zurückzukehren und dort die Aufgabe zu übernehmen, zu der er sich gerufen fühlte. Auch in den folgenden Jahren unterstützte er Johannes geistlich und setzte sich öffentlich für dessen Werk ein.
Die ausführliche Biografie des Kirchenlehrers, die überlieferte Predigt und seine drei Briefe an Johannes von Gott finden sich auf der Seite Johannes von Ávila.
Nach seiner Wallfahrt und einer Zeit der Vorbereitung kehrte Johannes nach Granada zurück. Dort begann er, kranke und hilfsbedürftige Menschen von der Straße aufzunehmen und zu versorgen. Er sammelte Lebensmittel, Geld und Unterstützung und erwarb zugleich praktische Kenntnisse in Pflege und Organisation. Seine Bekehrung führte ihn also nicht aus der Welt hinaus, sondern tiefer in die Wirklichkeit leidender Menschen hinein. Aus der Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes entstand der Wunsch, selbst barmherzig zu handeln.
Für Johannes wurde der Glaube konkret:
Aus dieser Haltung entwickelte sich die Hospitalität bei den Barmherzigen Brüdern. Sie verbindet christlichen Glauben mit professioneller Hilfe und menschlicher Nähe.
Vor seiner Bekehrung suchte Johannes über viele Jahre nach seiner Aufgabe. Danach erhielt sein Leben eine klare Richtung: die Nachfolge Jesu Christi im Dienst an kranken, armen und ausgegrenzten Menschen.
Die Predigt des Johannes von Ávila war der Auslöser. Seine Berufung reifte jedoch erst im Zusammenspiel mehrerer Erfahrungen:
Die Bekehrung war deshalb kein isoliertes Ereignis, sondern der Beginn eines Weges. Aus der Suche wurde eine Berufung, aus der Berufung ein konkreter Dienst und aus diesem Dienst eine Bewegung, aus der später die Barmherzigen Brüder hervorgingen.
Für die Barmherzigen Brüder erinnert die Bekehrung ihres Gründers daran, dass Glaube und Hospitalität untrennbar zusammengehören. Spiritualität zeigt sich nicht allein in Worten oder religiösen Gefühlen. Sie wird dort glaubwürdig, wo Menschen aufmerksam wahrgenommen, professionell unterstützt und in ihrer Würde geachtet werden. Die Geschichte macht zugleich deutlich, dass eine Berufung nicht immer sofort eindeutig ist. Sie kann durch Krisen, Begegnungen, geistliche Begleitung und praktische Erfahrungen wachsen. Johannes von Gott fand seine Aufgabe nicht in einem fertigen Lebensplan, sondern Schritt für Schritt.
Sein Aufenthalt im Königlichen Hospital erinnert außerdem an die besondere Verantwortung gegenüber psychisch erkrankten Menschen. Leid darf nicht romantisiert und Krankheit nicht religiös verklärt werden. Notwendig sind Respekt, fachliche Kompetenz, Schutz vor entwürdigender Behandlung und eine Begleitung, die den ganzen Menschen sieht. Der Orden erinnert deshalb jedes Jahr am 20. Jänner an die Bekehrung des heiligen Johannes von Gott. Sie steht für die Bereitschaft, das eigene Handeln immer wieder neu am Menschen und an seiner Würde auszurichten.
Die Darstellung der Ereignisse stützt sich wesentlich auf die frühe Biografie des Johannes von Gott von Francisco de Castro. Sie entstand rund drei Jahrzehnte nach dem Tod des Heiligen und ist die zentrale historische Quelle zu seinem Leben. Einzelne Szenen und Deutungen spiegeln zugleich die religiöse Darstellungsweise ihrer Entstehungszeit wider.
Weiterführende Links
Johannes von Ávila – Prediger und geistlicher Begleiter
Wie erkenne und prüfe ich eine Berufung zum Ordensleben?
Johannes von Gott und die Krankenpflege
Spiritualität bei den Barmherzigen Brüdern
Zur Übersicht: Heiliger Johannes von Gott – Leben und Bedeutung
Wer sind die Barmherzigen Brüder? Alles über unseren Orden und unser Leben.