Erstes Kompetenzzentrum für Neuroimmunologie
Das Nervensystem und das Immunsystem stehen beim gesunden Menschen in einer sehr engen Wechselwirkung. Durch diese fein abgestimmte Kommunikation wirkt das Immunsystem wie ein inneres Sinnesorgan. Gesunde und krankhafte Veränderungen im Körper werden laufend an das Gehirn rückgemeldet: Das zentrale, periphere und autonome Nervensystem kann darauf gezielt reagieren und regulierend gegensteuern. Ist diese Kommunikation jedoch gestört, beispielsweise durch eine anhaltende Überaktivierung des Immunsystems, können entzündliche Prozesse im Nervensystem entstehen („Neuroinflammation“), welche die Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinträchtigen und chronische Erkrankungen auslösen können.
Vor diesem Hintergrund stehen viele neurologische Erkrankungen in engem Zusammenhang mit dem Immunsystem. Anhaltender psychosozialer Stress, zu wenig Bewegung und Sport, ungesunde Ernährung, Übergewicht und Schlafmangel (sogenannte „Lifestyle Faktoren“) können stille, chronische Entzündungen im Körper auslösen („chronic silent inflammation“) – auch im Gehirn. Diese langfristigen Belastungen erhöhen das Risiko für Erkrankungen wie Alzheimer-Demenz, Parkinson-Erkrankung, Depressionen und Angststörungen.
Demgegenüber stehen Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem irrtümlich eigene gesunde Körperzellen angreift. Diese Fehlsteuerung kann zu einer oft schweren Schädigung von Nervengewebe führen, aber auch Funktionsstörungen (z.B. Signalübertragung vom Nerv auf den Muskel) auslösen. Dazu zählen unter anderem die Multiple Sklerose, Autoimmunerkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks, Myasthenia gravis sowie schwere Entzündungen der peripheren Nerven in den Armen und Beinen.
Viele dieser Erkrankungen beginnen abrupt, verlaufen jedoch chronisch und betreffen häufig auch schon jüngere Menschen und gehen mit teilweise langen Diagnosewegen sowie einer hohen körperlichen wie auch psychosozialen Belastung für Betroffene und Angehörige einher.
Fortschritte in der Neuroimmunologie haben die Diagnostik und Behandlung in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Spezialisierte Blut- und Nervenwasser-untersuchungen, moderne Bildgebung wie MRT und PET sowie innovative immunmodulierende Therapien ermöglichen heute eine frühere Diagnose und individuell angepasste Behandlungsstrategien.
„Neuroimmunologische Erkrankungen sind hochkomplex und betreffen viele Patient:innen über Jahre hinweg. Unser Ziel ist es, medizinische Expertise, moderne Diagnostik und interdisziplinäre Zusammenarbeit so zu bündeln, dass Betroffene von Beginn an strukturiert, individuell und auf dem neuesten Stand der Medizin begleitet werden“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Markus Hutterer, Leiter des Zentrums für Neuroimmunologie (ZNI).
Das neue Kompetenzzentrum für Neuroimmunologie schafft einen klaren strukturierten Rahmen für eine durchgängige Betreuung über den gesamten Krankheitsverlauf: von spezialisierter Diagnostik und modernen immunmodulierenden Therapien bis hin zu Rehabilitation und strukturierter Nachsorge. Digitale Angebote wie Telemedizin sollen das Leistungsangebot unterstützen. Neurologinnen und Neurologen arbeiten dabei noch enger mit anderen Fachrichtungen wie beispielsweise Innere Medizin / Rheumatologie, Onkologie und Hämatologie, Radiologie, Nuklearmedizin und Speziallaboren sowie Psycholog:innen, und weiteren Pflege- und Therapieberufen zusammen.
„Mit dem Zentrum für Neuroimmunologie bündeln wir unsere bereits bestehenden spezialisierten Ambulanzen unter einem gemeinsamen Dach und schaffen klare Strukturen für Patient:innen ebenso wie für zuweisende Stellen. Zum Kompetenzzentrum gehören unter anderem die Spezialambulanzen für Neuroimmunologie und Neuroinfektiologie, Multiple Sklerose und MS-Spektrum-Erkrankungen, Nerven- und Muskelerkrankungen, Neuroonkologie, Neurokognitive Störungen und die strukturierte Schlaganfall-Nachsorge“, betont Univ.-Prof. Dr. Christian Lampl, Vorstand der Abteilung für Neurologie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz.
Darüber hinaus dient das Zentrum als Plattform für interdisziplinären fachlichen Austausch und soll den Patient:innen einen Zugang zu innovativen Behandlungsmethoden ermöglichen. „Der Aufbau erfolgt etappenweise; langfristig soll das Zentrum als Anlaufstelle für Patient:innen mit neuroimmunologischen Erkrankungen in Oberösterreich etabliert werden und dazu beitragen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse rasch in die klinische Praxis überzuführen,“ ergänzt der Ärztliche Direktor Priv.-Doz. Mag. Dr. Thomas Berger.
„Neben einer weiterhin starken Rolle unserer Abteilung für Neurologie in der Akutversorgung verstehen wir uns mit dem neuen Kompetenzzentrum als Taktgeber in der Weiterentwicklung der Behandlungsmöglichkeiten neuroimmunologischer Erkrankungen.“, betont Gesamtleiter Mag. Hubert Eisl, MBA.
Kontakt:
Priv.-Doz. Dr. Markus Hutterer
Leiter „Zentrum für Neuroimmunologie“ (ZNI), Stv. Ärztlicher Direktor, Oberarzt der Abteilung für Neurologie mit Stroke Unit und Akutgeriatrie, Leiter der Arbeitsgruppe Neuroonkologie und Neuropalliative Care Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO)
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz
Adresse: Seilerstätte 2, A-4021 Linz, Österreich
Telefon: +43 732 7897-0
E-Mail: markus.hutterer@bblinz.at
Team der Arbeitsgruppenleiter:innen des Zentrums für Neuroimmunologie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Linz